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Zur Selbstverantwortung

 

Inhaltsverzeichnis

 

Missbrauch des Begriffs Selbstverantwortung

Selbstverantwortung... Ein Begriff, der heutzutage inflationär benutzt wird. Aktuell aus einem Schreiben der Schule meines Kindes: „Wir erwarten, dass sich die Schüler eigenverantwortlich an die Regeln halten.“ Fällt da dem Schreiber nicht der Widerspruch auf? Wahrscheinlich nicht. Oder ein anders Beispiel: Gern wird darauf verwiesen, dass die Menschen ja von sich aus nicht selbstverantwortlich handeln. Damit werden Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte begründet. Man müsse Menschen erst dazubringen, selbstverantwortlich zu handeln, notfalls mit Drohungen und Strafen. Man geht hier davon aus, dass Menschen Selbstverantwortung durchs Gehorchen lernen. So funktioniert das aber nicht. Auch bei diesem Beispiel werden die Widersprüche also nicht erkannt. Wie kommt das?

Die Umpolung von Begriffen findet häufig statt

Die Umpolung von Begriffen ist nichts Neues und ist anscheinend fest im Gehirn verankert. Was Selbstliebe ist, gilt häufig als egoistisch ebenso wie freiheitliche oder das Leben genießende Bestrebungen als unsolidarisch gelten. Aus Vielfalt wird Einfalt und umgekehrt. Angstmache wird als rationale Überlegung präsentiert, weil irgendetwas mit Zahlen darin vorkommt. Und so wird auch Gehorsam als Selbstverantwortung deklariert. Äußerst seltsam! Schauen wir uns das Wort mal genauer an.

Was ist Selbstverantwortung?

Selbstverantwortung – Selbst-Ver-Antwortung – selbst Antworten finden auf die Fragen des Lebens... Sich auf die Suche begeben nach stimmigen Antworten, in sich gehen, in den Austausch gehen, in den Dialog treten, „schwanger“ sein, etwas "austragen", sich zerrissen fühlen, eine Antwort finden, sie am und im Leben überprüfen, sie für gut befinden oder zurücknehmen. Das sind umfangreiche Prozesse, die da passieren. Manchmal in Sekundenschnelle, weil wir einfach wissen, was die Antwort ist (Ich habe Hunger → Ich nehme mir einen Apfel! Mhmmm. Lecker! Und genau die Nährstoffe, die mein Körper braucht.). Manchmal gibt es da eine längere Klärungs- und Probierphase. Und natürlich alles dazwischen!

Das Leben stellt uns allen teils die gleichen teils unterschiedliche Fragen. Wir alle müssen Antworten finden, wie und wo wir Sicherheit finden, wie wir unser Leben gestalten und mit wem. Auch die körperlichen Grundbedürfnisse sind wichtig. Nicht nur zum Überleben, sondern auch zum Genießen und Erkennen. Teils sind die Fragen an uns unterschiedlich. Einige Menschen sind mehr mit dem Überleben beschäftigt: Wie bekomme ich überhaupt genug zu essen? Andere sind viel mit den Beziehungsfragen beschäftigt: Ständig passiert etwas auf der Beziehungsfront – mit dem Partner, mit den Kindern, mit Freunden, mit Kollegen. Andere werden eher gesundheitlich herausgefordert und müssen lernen, mit Krankheiten oder sogar mit Behinderungen zu leben. Bei einigen Menschen ist ständig auf allen Ebenen etwas los. Haben sie eine Frage des Lebens geklärt (Haben sie es wirklich oder war es eine Selbst-Täuschung?), kommen zwei neue dazu. Aber wir alle werden auf der ein oder anderen Ebene mit der Frage nach der Sinnhaftigkeit konfrontiert. Und da gibt es eine direkte Verbindung zur Selbstverantwortung. Die Antwort muss einen Sinn ergeben, und zwar möglichst ganzheitlich, also auf allen Ebenen, körperlich, psychisch, seelisch, spirituell, ethisch, ökologisch usw., und in Übereinstimmung mit uns selbst sein, jedenfalls für diesen Moment. Wenn die Antwort keinen oder nur einen eingeschränkten Sinn ergibt, dann ist sie ein weiteres Fragezeichen und keine Antwort. Die Antwort darf dabei nicht von außen vorgegeben werden. Anregungen, Informationen zu bekommen ist absolut legitim. Aber fertige Antworten bringen uns nicht weiter. Das ist wie beim Lernen. Was nützt es, wenn ich einem Schüler bei der Aufgabenstellung gleich die Lösung mitliefere? Es kann ab und zu mal hilfreich sein – als Beispiel, als Modell. Ansonsten muss jeder selbst Antworten und Lösungen, also zu seiner Selbstverantwortung, finden. Und meine Antworten können ganz anders sein als deine.

Im Moment sieht die Situation so aus, dass die sogenannte Selbstverantwortung darin besteht, fremde Antworten zu übernehmen und zu leben. Das auch noch im Namen des Gesundheitsschutzes. Gesund kann das nun wirklich nicht sein, denn jedes Mal, wenn wir eine fremde Antwort für eine eigene halten, erzeugen wir in uns einen Konflikt. Ein Konflikt erzeugt Spannung, psychische wie körperliche. Wird der Konflikt gelöst, ist alles wieder gut. Bleibt er, kostet er ständig Kraft und schwelt weiter. Gleichzeitig wurde ja für den Konflikt Energie zu seiner Lösung bereitgestellt. Im schlimmsten Fall kippt sie bei Nicht-Nutzung bzw. Unterdrückung in Hass und Gewalt um. Da die meisten Menschen relativ hohe moralische Standards haben, reagieren sie auto-aggressiv und entwickeln psychische und / oder körperliche Beschwerden. Im besten Fall wird der Leidensdruck so hoch, dass die Menschen sich doch auf die Suche nach eigenen Antworten begeben und z. B. Hilfe in Anspruch nehmen, sich weiterbilden, sich mit anderen zusammenschließen. Das wäre ein Beispiel für Selbstverantwortung.

Transfer-Beispiel: Selbstverantwortung in der Schule

Übertragen auf die jetzige Situation: Wie könnte Selbstverantwortung z. B. an einer Schule aussehen? Die Schüler müssten sachlich über die Zusammenhänge aufgeklärt werden. Sie könnten sich beraten, was mögliche Antworten / Lösungen sind. Sie könnten sich für eine persönliche Lösung entscheiden. Auch die Lehrkräfte könnten ihre Lösungswege vorleben. Und nein, es sorgt nicht für Orientierungslosigkeit, wenn Menschen unterschiedlich handeln. Ganz im Gegenteil. Es wäre komisch, wenn jemand etwas genauso tun würde wie ich. Auch im beschrieben Fall würden sich wahrscheinlich Mehrheits- und Minderheitslösungen entwickeln. Der Grad der echten Selbstverantwortung misst sich daran, wie man mit Minderheiten und ihren Lösungen umgeht. Versucht man sie zu überzeugen, zu unterdrücken, auszuschließen, heißt es, dass man selbst noch nicht die wirklich stimmige Antwort gefunden hat. Denn es gilt: Steht man wirklich zu seiner Antwort, muss ihre Richtigkeit niemandem bewiesen werden. Was im Umkehrschluss nicht heißt, dass man Übergriffe und Einmischungen in seinen Verantwortungsbereich duldet. Die gilt es entschieden und klar abzuwehren und für sich einzustehen – auch das ist im Sinne der Selbstverantwortung. Selbstverantwortung bedeutet also auch, dass ich, auch wenn ich den Menschen, z. B. den Schülern, den Sachverhalt erläutert habe, damit rechnen und umgehen können muss, dass sie sich so entscheiden, wie es nicht in meinem Sinne oder im Widerspruch zu meinen Werten ist. Mein Einfluss wäre da also begrenzt. Oder ich müsste durch meine Persönlichkeit, das bitte ganz ohne Manipulation, überzeugen und beeindrucken. Eingriffe in fremden Verantwortungsbereich sind wirklich nur in allerhöchster Not (z. B. Lebensgefahr, Selbstverteidigung) zu rechtfertigen.

Verwechslung von Verantwortung und Pflichterfüllung / Gehorsam

Zum Schluss noch ein Zitat von Arno Gruen, der das Thema der Selbstverantwortung in aller Tiefe in seinen Büchern thematisiert hat. Er geht auch darauf ein, wie es zu dieser Verwechslung von Gehorsam (Pflichterfüllung) und Selbstverantwortung / Verantwortung kommt. Wenn der Mensch seiner Empathie und Selbstwahrnehmung im Rahmen von unsicheren und / oder missbräuchlichen Eltern-Kind-Beziehungen beraubt wird, passiert Folgendes:

"An die Stelle wirklichen Verantwortungsbewusstseins tritt Pflichterfüllung […]. Pflichterfüllung aber hat mit Gehorsam zu tun. Indem man sich pflichtbewusst verhält, bleibt man dem Bild treu, das Eltern und andere Autoritätspersonen von sich selbst vermittelt haben. Wer ihren Erwartungen entspricht, wird mit Bestätigung belohnt. So gerät das Ausfüllen von Rollen zum Ziel des Lebens.

[…]

Korrektes Verhalten erzeugt den Anschein von Verantwortung, ist aber von einer wirklichen Übernahme von Verantwortung weit entfernt. Daraus resultiert ein Persönlichkeitsgefüge, das innere Regungen nach Freiheit mit Ungehorsam gegenüber der Macht gleichsetzt, von der man Anerkennung erhofft. Gleichzeitig hasst man alles, was die dahinter lauernde Angst und damit die wahre Ursache des Leidens aufdecken könnte."

Gibt es ein Entkommen?

Diese Worte scheinen keine Hoffnung zu vermitteln. Auf den ersten Blick gibt es kein Entkommen aus diesem Kreislauf. Wird die rote Grenze erreicht, melden sich auch sofort die Ängste, die Zweifel, die Rationalisierungen und man fällt früher oder später in korrektes Verhalten zurück, holt seine Belohnung dafür ab. Oder aber man sucht sich einen Sündenbock, einen Feind, an dem man alles ablädt, um sich wieder ins Gleichgewicht zu bringen, man lebt die Hassgefühle aus. Bis zum nächsten Mal. Und so wiederholt es sich. Auf der anderen Seite gibt es doch Hoffnung, da die meisten von uns doch ein Stück Liebe und Empathie erlebt haben und sie noch in sich tragen, manchmal etwas versteckt, aber immer mit einer Chance auf Wieder-Entdeckung versehen. Der Weg bestünde also darin, auf die Anzeichen zu achten, auf den eigenen inneren Unstimmigskeitssensor. Man könnte sich dem auch etwas rationaler nähern und sich folgende Fragen stellen:

  • Wovor habe ich die meiste Angst? Und in Bezug auf welche Personen?

  • Von wem erwarte ich Anerkennung und Bestätigung?

  • Was genau tue ich um Anerkennung und Bestätigung zu bekommen?

  • Was würde passieren, wenn sie ausbliebe? Wie würde ich mit dem „Loch“, das es auslösen würde, umgehen? Warum macht es mir Angst?

  • Vermeide ich Konflikte? Was steht schon länger zur Klärung an?

  • Was würde schlimmstenfalls passieren, wenn ich nach meinen eigenen Maßstäben handeln würde? Könnte ich damit umgehen?

  • Hand aufs Herz: Weiß ich überhaupt, was meine eigenen Maßstäbe sind? Oder habe ich sie mir – wie früher im Kindergarten – hübsch aus einer Vorlage rausgeschnitten?

  • Gestehe ich mir den Freiraum zu, Fehler zu machen und Konflikte auszulösen?

  • Ernähre ich mich so, dass es mir gut tut? Gönne ich mir genug Erholung? Habe ich genug Freiraum für mich und meine Bedürfnisse? Kenne ich überhaupt meine Bedürfnisse?

  • Was habe ich für körperliche Beschwerden und wie gehe ich mit ihnen um? Bin ich dabei, die Ursachen dafür zu ermitteln und zu bearbeiten oder behandle ich nur die Symptome, z. B. mit Medikamenten?

Das sind viele Fragen. Wenn man 30, 40 , 50 oder wie viele auch immer Jahre gelebt hat, ohne viel nach den wirklich eigenen Antworten gesucht zu haben, dann erscheint es fast hoffnungslos jetzt damit anzufangen. Aber: Es lohnt sich. Und manchmal geht es ganz schnell, weil es überfällig ist. Erleichternd und befreiend ist es ohnehin. Und: Wenn man ein paar Antworten gefunden hat, wird man vom Leben viel interessantere Aufgaben bekommen und nicht immer dieselben blöden – mit denen wäre man nämlich bereits durch. Cool, nicht?

 

Weitere Fragen zum Nachforschen und Ergründen

  • Was ist mein klassisches Muster? Bin ich pflichtbewusst und halte ich mich an die (äußeren) Regeln und die Vorgaben? Achte ich darauf, mich korrekt zu verhalten? Oder rebelliere ich lieber? Oder gehe ich in echte Selbstverantwortung, indem ich nach meinen eigenen Maßstäben und meinen inneren Regeln handle?
  • Ist mir der berühmte Blick in den Spiegel wichtig? Fühle ich mich mir und meinem besten Wissen und Gewissen verpflichtet oder irgendwelchen anderen moralischen Standards aus Erziehung, Kultur, Gesellschaft?
  • Werde ich ärgerlich, wenn sich Menschen nicht an Regeln halten, oder reagiere ich gelassen? Ersteres ist ein Hinweis auf Selbst-Unterdrückung.
  • Bin ich großzügig zu mir? Gehe ich gut auf meine eigenen Bedürfnisse ein? Oder halte ich das sogar für egoistisch? Werfe ich anderen Menschen Egoismus vor? Wenn ja, was genau (ein tiefes Bedürfnis, einen tiefen Mangel, das Gefühl der Nicht-Liebe usw.) versuche ich dadurch abzuwehren?
  • Was ist der Sinn meines Lebens? Habe ich meine Berufung gefunden? Suche ich weiter nach meinen eigenen Antworten? Oder übernehme ich fremde Antworten aus den Medien, der Kultur, der Gesellschaft, aus dem Freundeskreis usw.?
  • Durchschaue ich die Umpolung der Begriffe und die allgegenwärtige Manipulation, wenn z. B. gesagt wird, man appelliere an die Selbstverantwortung der Menschen? Erkenne ich, dass der Begriff "Eigenverantwortung / Selbstverantwortung" irreführend gebraucht bzw. sogar missbraucht wird und dass es stattdessen um Gehorsam, Pflichterfüllung, Regeleinhaltung usw. geht?
  • Gestehe ich anderen Menschen (meinem Partner, meinen Kindern?) Selbstverantwortung zu? Auch mit dem Risiko, dass sie Antworten finden, die meinen Vorstellungen widersprechen? Kann ich das aushalten? Ich werde dadurch an meine wunden Punkte geführt. Kann ich mich meinen wunden Punkten widmen, statt es mit meinem Partner, meinen Kindern etc. in der Projektion auszuagieren und zu versuchen, sie mir gefügig zu machen?

 

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Bildnachweis: Bilder von Arek Socha