Der Tod ist nicht der Feind

 

Sehr viele individuelle und auch gesellschaftliche Probleme rühren daher, dass wir als Individuen und als Gesellschaft mit dem Aspekt des Todes nicht ausgesöhnt sind. Dabei ist der Tod keineswegs unser Feind. Ganz im Gegenteil, er ist unser Freund!

Jetzt mag der Leser mich für vollkommen verrückt halten, gilt es doch als moralischer Wert, Leben retten und den Tod abwenden zu wollen. Mittlerweile bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass dieser Wert und diese Bemühungen den Tod keinesfalls verhindern können. Wenn er kommt, kommt er. Und er kommt dann, wenn es so weit ist. Unsere Lebensspanne kann man sich dabei wie so eine Art Schnur von einer bestimmten Länge vorstellen. Kommen da Knoten oder Knäuel rein, z. B. durch Traumata, Unfälle, Giftstoffe usw., verkürzt sich die Lebensschnur. Gelingt es uns Knoten oder Knäuel zu lösen, z. B. in der Therapie oder durch das Sich-einlassen auf das Leben und das „Hausaufgabenerledigen“, verlängert sich die Lebensschnur. Versöhnen wir uns mit den fundamentalen Aspekten des Lebens, z. B. auch mit dem Tod, kann es die Schnur auch elastischer und flexibler machen, so meine bildliche Vorstellung. Unabhängig davon verfügen wir schicksalsbedingt über eine kürzere oder längere Gesamt-Lebensschnur. Weit verbreitet ist auch die bildliche Vorstellung von einer Sanduhr, die abläuft. Man kann eine größere oder eine kleinere haben. Vielleicht bekommt man eine Chance, etwas Sand nachzufüllen. Oder die Öffnung etwas kleiner zu machen, damit der Sand nicht so schnell durchläuft. Aber auch hier ist unser Einfluss begrenzt.

Wie komme ich dazu, mit dem Aspekt des Todes befreundet zu sein? Auf Kriegsfuß standen wir noch nie. Es gab kein richtiges Spannungsverhältnis zwischen uns. Und anscheinend haben wir schon sehr früh die Bekanntschaft gemacht, bereits im Mutterleib. In meiner eigenen Therapiearbeit konnte ich einiges aus meinem Körpergedächtnis ins Bewusstsein holen und es zeigten sich dort einige Momente, in denen es ganz knapp war. Also Momente, in denen ich dem Tod sehr nahe war oder gar in sein leeres nicht vorhandenes Antlitz blicken konnte. Der Überlebenswille war aber stärker, was ich ihm sogar eine Zeit lang richtig übelnahm, denn ich vermisste die Geborgenheit und die Stille des Todes und wollte die Herausforderungen des Lebens nicht voll und ganz auf mich nehmen (Vielleicht will ich Letzteres immer noch nicht?). Mit dem Ersteren habe ich aber in einer Souljourney, in einer Bilderreise in die eigene Innenwelt, begleitet durch meine Kollegin Lidia Schladt Frieden geschlossen. Ich konnte auf dieser Bilderreise den Tod persönlich treffen, in den Tod springen, von einer Brücke ins Wasser, wieder auftauchen und am schönen Flussrand mit dem Tod zusammen ein Picknick machen. Es fühlte sich vertraut und geborgen an. Mir wurde klar, dass der Tod mein fester Begleiter auch im Leben sein wird, so dass ich ihn nicht mehr zu vermissen brauche. Und wenn es an der Zeit ist, dass ich in ihn komplett übergehe, dann werde ich es schon mitbekommen. Es ist so weit, wenn es so weit ist. Und so ist der Tod zu meinem besten Freund geworden. Ich spüre ihn im Bereich meiner linken Schulter und etwas neben mir. Er ist immer da und begleitet mich.

Der Tod ist viel mehr als nur Sterben, Dahinsiechen, Kranksein, aus dem Leben gehen. Häufig sind das nur unsere Vorstellungen davon. Der Tod repräsentiert das Nichts. Er ist das Ende und der Neubeginn in einem Aspekt. Etwas stirbt und etwas wird neu geboren. Wie aus dem Nichts kommen Impulse, Ideen, Bilder, Inspiration, Einfälle, Melodien usw. usf. Der Tod steckt in den Pausen zwischen den Noten und verleiht der Musik ihren unvergesslichen und tiefgründigen Charakter. Er steckt in den verwelkten Blumen, in den gelben Herbstblättern, im Sonnenuntergang und natürlich in der Kälte und Kargheit des Winters. Er steckt in jedem kleinsten Abschied, selbst von einem banalen Wunsch. Ich brauche etwas, z. B. eine bestimmte Sorte Äpfel. Leider sind sie ausverkauft. Ein Moment des Verlusts. Die Erfüllung meines Wunsches stirbt in diesem Moment. Ich bekomme etwas nicht. Gesellschaftlich ist es ein ganz eisiges Terrain. Schon früh lernen viele Kinder: „Stell dich nicht so an!“ „So schlimm ist es doch gar nicht!“ „Das ist doch nur eine Kleinigkeit.“ "Kein Grund zu weinen / traurig zu sein!" Dabei hätten sie die Chance an diesen „Kleinigkeiten“ den Umgang mit diesem Aspekt zu üben und zu vertiefen. Kleine Verluste und kleine Tode sind auch welche, auch wenn sie nicht die Dimension des Todes einer nahen Bezugsperson erreichen. Sie deswegen zu werten und zu kategorisieren gegenüber dem subjektiven Empfinden eines Kindes ist trotzdem äußerst unfair und zeugt nur von der eigenen Unausgesöhntheit mit dem tödlichen Aspekt des Lebens. Man zeigt dem Kind seine tote emotionale Seite. Eisiger geht es nicht.

Ein anderes selbst erschaffenes Problem scheint mir die Gegenüberstellung von Heilung und Tod zu sein. So, als wären diese beiden Aspekte Gegenspieler. Wer wird gewinnen, wenn man krank ist? Die Heilung oder der Tod? Die Heilung versucht ihr Terrain einzunehmen. Der Tod schränkt den Einfluss der Heilung ein, so die gängige Vorstellung. Heute habe ich mit einer Klientin erlebt, was passiert, wenn diese Gegenüberstellung wirksam wird. Die Heilung kann sich nicht komplett ausbreiten. Der Tod wird zum Gegenspieler und schränkt den Einflussbereich der Heilung ein. Vernachlässigt der Mensch in seinem Leben die Auseinandersetzung und die Aussöhnung mit dem Aspekt des Todes, sorgt das Leben dafür, dass er sich diesem Thema stellt, möglicherweise durch Verluste oder Krankheiten. Auch in diesem Fall ging es darum herauszufinden, ob die eigenen Selbstheilungskräfte ausreichen oder ob ein Eingriff von außen nötig ist. Was ist das Naheliegendste, was ein Mensch braucht, um sich seinem Leben zu stellen und auch in seine Lebendigkeit und in seine Kraft zu gehen? Richtig, es braucht Vertrauen. Das klingt so einfach, ist es aber häufig nicht. Dabei ist das Vertrauen einfach da und kann genutzt werden. Das Spannende an der heutigen Sitzung aber war, dass das Vertrauen in seiner Äußerung überdeutlich wurde. Als es zum Zuge kam, nahm es sofort den Aspekt des Todes (In meiner Praxis habe ich dafür einen Schädel) in die Hand und meinte selbstbewusst: „Uns beide gibt es nur im Doppelpack!“ In diesem Moment war die Gegensätzlichkeit von Heilung und Tod aufgehoben. Im Vertrauen auf den Tod konnte sich die Heilung ungehindert ausbreiten und wirken. Was für eine Erleuchtung und auch Erleichterung! Im Vertrauen auf und in den Tod und im Vertrauen in die Heilkräfte ist es dann möglich sich voll und ganz auf das Eigene einzulassen: das eigene Leben, die eigenen Rhythmen, die eigenen inneren (Heil-)Kräfte, die eigene Lebendigkeit, die Höhe- und Tiefpunkte des Lebens, die Beziehungen und die Aufgaben. Ein wunderschöner Abschluss einer längeren Sitzung, der viel Kraft und Zuversicht gab.

Nun hat nicht jeder die Möglichkeit, die Kraft und den Mut, sich so einem potentiell überwältigenden Aspekt zu stellen. Was kann jeder einzelne von uns im Kleinen tun? Die Regel Nummer eins lautet: den Tod respektieren. Wir geben vor, Leben schützen zu wollen und Leben respektieren zu wollen, tun es aber keineswegs, wenn wir mit aller Kraft das Tödliche verdrängen, verleugnen und am Ausbreiten verhindern wollen. Ohne Respekt vor dem Tod gibt es keinen Respekt vor dem Leben. Wenn es für jemanden an der Zeit ist zu sterben, wäre es am schönsten, wenn wir ihn gehen lassen könnten. Mit unserem Schmerz müssen wir dann natürlich fertig werden. Das ist aber ein anderes Thema.

Auch der Umgang mit der Corona-Pandemie gehört in die Kategorie „Wir respektieren den Tod nicht“. Der Versuch, Menschen vor ihrem eigenen Tod zu schützen, wird einem Menschen, der mit dem Aspekt des Todes relativ ausgesöhnt ist, am ehesten ein Fragezeichen entlocken. Zumal er weiß, dass man niemanden beschützen kann, schon gar nicht gegen seinen Willen. Das Problematische an der ganzen Situation ist, dass alle Bemühungen den Tod aufzuhalten eher nach hinten losgehen und den tödlichen Aspekt verstärken können. Vielleicht nicht hier und jetzt, sondern mittel- und langfristig. Damit wären wir wieder bei der Lebensschnur. Statt dafür zu sorgen, dass möglichst viele Menschen ihre Knoten und Knäuel in ihren Lebensschnuren lösen, sorgen wir mit den Anti-Corona-Maßnahmen dafür, dass die Lebensschnuren von einigen wenigen mehr oder weniger künstlich verlängert werden, dafür aber in die Lebensschnuren von sehr vielen Menschen zusätzliche Knoten und Knäuel reinkommen. Wer mit dieser Vorgehensweise nicht einverstanden ist – und sie ist tatsächlich verrückt, wenn man sie sowohl vom Aspekt des Todes als auch von dem des Lebens her betrachtet (beachte die Unterdrückung der Lebendigkeit!) – möge sich eingeladen fühlen, sich auf die weitere Aussöhnungsreise mit dem Tod zu begeben und seine Lebensschnur zu hegen und zu pflegen. Letzteres ist nicht möglich, indem man sich an die gängigen Regeln des Abstandhaltens und des Maskentragens hält. Ganz im Gegenteil. Dadurch überlässt man seine Lebensschnur fremden Einwirkungen und Regeln, die zwar vorgeben, das Leben schützen zu wollen, aber absolut tod- und somit auch lebensfeindlich sind.

Was wäre also zu tun? Man könnte sich ernsthaft fragen, ob und wie viel Angst vor dem Tod man hat. Vor dem eigenen oder vor dem von naher Angehörigen. Wenn die Angst sich meldet, gibt es da noch einige Aufgaben. Durch das Befolgen der sog. Hygieneregeln lassen sich diese Aufgaben vom Hals halten. Erledigt sind sie aber dadurch nicht. Wie wäre es damit, sich ihnen direkt zu stellen? Und welche wären das?

Zum Einen ist es die Schuldfrage, also die Angst unbeabsichtigt am Tode von jemand anders, z. B. durch Ansteckung, beteiligt und schuld zu sein. Wer mit dem Aspekt des Todes ausgesöhnt ist, wird begreifen, dass er als Mensch gar nicht so viel Macht haben kann. Wenn jemand „dran“ ist, ist er dran. Unsere Vorstellung von Ansteckung ist die einer Kettenreaktion. So, als würden wir etwas weitergeben. Da gehören aber noch viel mehr Faktoren dazu, und v. a. auch das Nehmen. Ich kann niemandem etwas geben, was er oder sie nicht nehmen will. Daher erübrigt sich die Frage nach der absichtslosen Ansteckung und der eigenen Schuld daran.

Zum Anderen kommt da eine besondere Angst vor, die sich viele Menschen teilen, und zwar die, ihre (alten) Eltern zu verlieren. Im Kindesalter ist diese Angst völlig normal. Jedes Kind stellt sich irgendwann die Frage, wie es wäre, wenn die eigenen Eltern tot wären. Was würde dann aus ihm werden? Ja, aber warum haben erwachsene Menschen Angst, ihre Eltern zu verlieren? DAS ist die entscheidende Frage... Unsere Gesellschaft besteht aus Menschen, die zwar wie Erwachsene aussehen, es aber (innerlich) nicht sind. Das innere Kind schreit immer noch nach Mama und Papa... Würden sie (die biologischen Repräsentanten für Mama / Papa) sterben, käme das ganze alte Malheur der nicht erfüllten Bedürfnisse und der verdrängten tiefen Gefühle an die Oberfläche. Das gilt es natürlich zu verhindern, koste es, was es wolle! Das ist vielleicht einer der Gründe, warum auch die Anti-Corona-Maßnahmen von einem Großteil der Bevölkerung mitgetragen werden. Diese Angst ist aber etwas, was im kindlichen Anteil ihrer Psyche abgespeichert ist und fern der (erwachsenen) Realität. Man könnte an dieser Stelle die Grundrechnung aufstellen: Je weniger ein Kind von seinen Eltern (auf der tiefen Ebene) bekommen hat, desto ausgeprägter ist im Erwachsenenalter die Angst, sie zu verlieren. Dass es irgendwann so weit sein könnte, lässt sich nicht verleugnen. Kommt jetzt z. B. das Corona-Virus als möglicher Todbringer für die eigenen Eltern (und alle, auf die das Elternschema passt) ins Spiel, ist der Angst-Anteil auf einmal bereit, praktisch alles mitzumachen, damit der Ernstfall nicht eintritt. Im Umkehrschluss bedeutet es übrigens nicht, dass ich keinen Schmerz erleiden würde, wenn ich einen mir nahen Menschen verlieren würde, selbst wenn ich keine Angst davor habe. Das wäre mit ziemlicher Sicherheit äußerst schmerzvoll. Trotzdem macht mir der Todes-Gedanke keine Angst. Das ist sicherlich schwer nachzuvollziehen, wenn man die Liebe mit der Angst vor Verlust gleichsetzt. Die Rechnung sieht dann so aus: Je stärker die Verlustangst, desto stärker die Liebe. So ganz stimmt es nicht. Echte Liebe lässt los und lässt frei. Wenn jemand gehen will, ob in eine neue Beziehung, in den Tod, in ein anderes Land usw., so ist er frei das zu tun. Und das in und bei aller Liebe. Und mit der allergrößten Hochachtung vor dem Tod.

 

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