Kontaktabbruch

 

Kontaktabbruch ist eines der schwierigsten Themen überhaupt und im Moment äußert präsent. In den letzten Monaten häufen sich Erfahrungsberichte über nicht-so-sehr-freiwillige Kontaktabbrüche zu Familie und Freunden. Der aktuelle Grund sind meistens verschiedene Ansichten bezüglich der Anti-Corona-Maßnahmen. Das ist aber nur der oberflächliche Grund. Die Spaltung, die sich gerade in der Gesellschaft, also auch in Familien und Freundeskreisen manifestiert, war schon vorher da. Im Moment hat sie eine gute Gelegenheit sich als Trennung und Kontaktabbruch zu manifestieren. Das hat auch seine Vorteile, denn das Unsichtbare, das eh schon da war, wird sichtbar gemacht. Gleichzeitig stellen diese Vorgänge viele Menschen vor neue (oder alte verdrängte?) Herausforderungen. Ein Kontaktabbruch, ob gewollt oder nicht, tut weh. Der Trennungsschmerz nimmt seinen Raum ein und häufig auch die Frage nach dem Warum. Das, was bislang verbunden hat, die familiären Bande, die Liebe, die Freundschaft, wird in Frage gestellt. War das real oder alles nur eine Täuschung? Angesichts der Enttäuschung, die das Ende der Täuschung markiert, ist Letzteres gar nicht so abwegig.

Schauen wir uns aber erst einmal die typische Situation in Bezug auf Kontaktabbrüche in der therapeutischen Praxis an. Am häufigsten ist davon die Eltern-Kind-Beziehung betroffen. Ein erwachsenes Kind befindet sich in einem Dilemma: Einerseits wünscht es sich Kontakt zu den Eltern, will die Beziehung aufrechterhalten. Andererseits kann und will es die Belastungen, die Konflikte und die psychische Ausgleichsarbeit, die in dieser Beziehung anfällt und an ihm hängenbleibt, nicht mehr tragen. Eine mögliche Konsequenz davon wäre, den Kontakt abzubrechen. Ist das eine gute und tragfähige Lösung?

Ja und nein. Ein Kontaktabbruch ist ein erster Schritt, sich Abstand von all den Themen und Belastungen zu verschaffen, die die Eltern-Kind-Beziehung mit sich bringt. Bearbeitet oder erledigt sind die Themen, die Konflikte und die Lasten dadurch nicht, denn wir tragen sie auch in uns drin. Nur der äußere Auslöser wird auf Abstand gehalten und verschafft uns Zeit. Die nächste Frage ist, wie wir diese Zeit und diesen Abstand nutzen. Halten wir dadurch auch all die damit verbundenen Themen und Konflikte auf Abstand oder gehen wir in einen Verarbeitungs- und Loslassprozess? In meiner Lebensgeschichte habe ich mich für Letzteres entschieden. Der Loslass- und Trauerprozess dauerte im Anschluss an den Kontaktabbruch ca. 1,5 Jahre, wobei ich anmerken muss, dass ich zu der Zeit keine zusätzliche Begleitung hatte, sondern meinen eigenen Prozess selbst begleitet habe. Ich gehe davon aus, dass vieles in Begleitung leichter und schneller geht.

Wie kann es denn überhaupt so weit kommen? In der kulturellen und moralischen Vorstellung unserer Gesellschaft gehören Eltern und Kinder zusammen. Auch erwachsene Kinder. Wir leben in einem psychosozialen Konstrukt, der den biologischen Tatsachen der eigenen Abstammung sehr viel Gewicht verleiht. Es hat gewisse Vorteile, z. B. starke Zugehörigkeiten, aber auch Nachteile, z. B. dass erwachsene Menschen in einigen ihrer Anteile nicht wirklich erwachsen und autonom werden. Es spricht nichts dagegen, die Eltern-Kind-Beziehung weiter zu hegen und zu pflegen, wenn sie für einen erfüllend und Kraft spendend ist. Das, worüber ich hier schreibe, ist ein ganz anderer Fall. Auf der tiefen Bedürfnisebene ist bei einem Kind so ein gravierender Mangel entstanden, so dass sein psychisches Kostüm bei Kontakt mit den Eltern ganz schön ins Wanken gerät – "nur" punktuell oder kontinuierlich.

Um welche tiefen Bedürfnisse geht es dabei, die unerfüllt geblieben sind?

  • Auf Platz 1 befindet sich das berühmte „Gesehen werden wie man ist“. Das geschieht auf einer nichtsprachlichen Ebene. Es hat sehr wenig mit Worten, sondern viel mehr mit Blicken, Atemfrequenz, Herzfrequenz, Wärme usw. zu tun. Mit einem Menschen können wir uns wohlfühlen und uns in seinen Augen gespiegelt fühlen oder eben nicht. War das wenig oder gar nicht der Fall entsteht ein gravierender Mangel. Er kann sich ausdrücken im Gefühl, nicht geliebt zu werden, oder aber in der Angst, die Liebe seiner Eltern verlieren zu können oder in der Angst vor ihrem Tod. Er kann sich in Selbstwertproblemen verstecken. In der Unzufriedenheit mit dem Körper, mit der eigenen Leistung, oder mit dem Nicht-Wissen, was man mit dem eigenen Leben anfängt. Auch das Fehlen einer tiefen inneren Zufriedenheit (Alles ist gut so, wie es ist; ich bin ganz bei mir) kann darauf hindeuten.

  • Dicht darauf folgen die Autonomiebedürfnisse und der ungehinderte Selbstausdruck: sich frei ausdrücken und äußern können, etwas ausprobieren können, seinen Leidenschaften nachgehen können und darin Unterstützung bekommen. Es können auch „banale“ Dinge sein: die Kleidung selbst aussuchen dürfen, ebenso die Freunde und die Wandfarbe im eigenen Zimmer. Überhaupt ein eigenes Zimmer und einen eigenen (inneren) Raum haben dürfen. Viele Familien haben einen gemeinsamen inneren Raum (was auch okay ist, wenn jedes Mitglied auch einen eigenen inneren Raum, am besten auch einen äußeren, hat), aber (fast) niemand darf einen wirklich eigenen inneren Raum haben.

  • Eng verbunden mit Platz 1 sind die spirituellen Bedürfnisse. Und damit ist nicht die Erziehung zu einer Religion und zu einem Glauben gemeint. Letzteres könnte sogar das Gegenteil bewirken und stellt einen ziemlichen Eingriff in die Glaubensfreiheit eines Menschen dar. Es geht um die Fragen der Identität, um die Lebensaufgaben, um den eigenen Weg, um das Warum. Auch hier geht es weniger um das Verbale, sondern um das Gesehen- und Angenommenwerden.

  • Ebenfalls wichtig und eng verbunden mit den autonomen Bedürfnissen ist das Bedürfnis nach Schutz und Abgrenzung. Viele Eltern versuchen ihre Kinder vor den Gefahren des Lebens zu schützen, indem sie ihnen z. B. nicht erlauben alleine zur Schule zu gehen. Dabei laden sie gern und meist unbewusst und unbemerkt ihren emotionalen Ballast und den alten Trauma-Wulst aus der individuellen und auch aus der familiären Geschichte bei den Kindern ab. Statt beschützt zu werden, werden die Kinder mit den Altlasten der Eltern und der Familie und manchmal auch mit aktuellen Belastungen der Eltern überfrachtet und überfordert. Abgrenzen dürfen sich die Kinder nicht. Tun sie es doch, kommt auch Gewalt ins Spiel. Oder es werden Schuldgefühle („Du bist egoistisch!“) eingeimpft. So wird das Kind auch parentifiziert: Die Rollen werden vertauscht. Das Kind landet psychisch-emotional in der Eltern-Rolle. Die Eltern dafür in der Kind-Rolle. Eine andere Möglichkeit ist die Rolle des Partnerersatzes, häufig anzutreffen in Fällen von Partnerkonflikten, Streit, Trennung und Scheidung. Schlimmstenfalls kommt es zu massiver Gewalt und zu sexuellen Übergriffen innerhalb oder auch außerhalb der Familie.

  • Als Konsequenz von all dem wird das Bedürfnis nach bedingungsloser Zugehörigkeit (und Liebe) nicht erfüllt. Man darf nicht so sein, wie man ist, sonst droht jedes Mal der Verlust der Zugehörigkeit. Also passt man sich zu sehr an. Diese Überanpassung wird sogar zur 2. Natur. Bei einigen ist es z. B. die Hilfsbereitschaft, das Gut-sein-wollen, der Perfektionismus, der Ehrgeiz und der Leistungsanspruch. Andere kanalisieren es auf eine eher destruktive Art und Weise, bekommen eine depressive Grundstimmung, eine Un-Lebendigkeit oder müssen sogar durch äußere Mittel für ihre interne Regulation sorgen: Medikamente, Alkohol, andere Drogen, Käufe, Essen, Sex usw. Dabei will und braucht man einfach Liebe und Wärme – und das bedingungslos.

Der Leser wird merken, wie komplex dieses Thema ist und wie viele Dinge zusammenkommen müssen, damit es überhaupt so weit kommt. Ausführlich sowohl auf der theoretischen als auch auf der praktischen Ebene beschreibt Claudia Haarmann diese Zusammenhänge in ihrem Buch „Kontaktabbruch: Kinder und Eltern, die verstummen“. Dieses Buch hat mich vor einigen Jahren durch manch schweren Tag gebracht, wofür ich sehr dankbar bin.

Gut, nun weiter im Text. Wie kann also eine innere und vielleicht äußere Klärung mit den Eltern aussehen? Es geht darum, die unerfüllten Bedürfnisse aufzuspüren und zum Ausdruck zu bringen. Dies kann im therapeutischen Kontext (in der Praxis oder zu Hause → Brief schreiben als Klassiker) geschehen und dann auch in der realen Begegnung. Es stellt sich natürlich die Frage, ob die reale Begegnung sinnvoll ist und ob sie etwas bringt. Ob man in dem Moment sich wirklich verletzlich zeigen und die eigenen Schutzmauern überwinden kann? Diese Frage kann ich pauschal nicht beantworten. Aus meiner eigenen Geschichte kann ich resümieren, dass ich es auf meine Art und auf verschiedene Arten immer wieder versucht habe, damit aber nie durchgekommen bin. Irgendwann passierten 2 Dinge gleichzeitig: Ich entdeckte die Möglichkeit, es innen zu klären. Und ich sah ein, dass die äußere Klärung nichts brachte, egal wie und wie oft ich es versuchte. Wenn jemand diesen feinen Kommunikationskanal durch seine Abwehr fest und sicher zugemauert hat, dann steht es nicht in meiner Macht, ihn dazuzubringen, diese Mauer abzubauen. Das traf auf meine Eltern zu, was aber nicht bedeutet, dass es auf alle Eltern zutrifft. In meiner Praxis berate ich die Klienten gern bei den verschiedenen Optionen und begleite sie im inneren Prozess. Ob sie auch eine Klärung im Äußeren suchen, sich für einen Kontaktabbruch entscheiden oder aber eine oberflächliche Beziehung aufrechterhalten – das ist allein ihre Entscheidung, die sie übrigens auch abhängig von ihren Bedürfnissen anpassen, revidieren und neu treffen können. Ihnen stehen alle Optionen offen. Unberührt davon bleibt die Ebene der tiefen Bedürfnisse – wohin damit? Das Happy-End wäre natürlich, dass man es endlich schafft sich so auszudrücken, dass man die Mauern der Eltern einreißt, und das bekommt, was man schon immer bekommen wollte. Ist das realistisch? Theoretisch ist es möglich. In der Realität sind hinter den Mauern eher verletzte, traumatisierte und überforderte Anteile, denen es nicht möglich ist, dem (erwachsenen) Kind das zu geben, was es braucht, weil sie es selbst nie bekommen haben. Und so landet das erwachsene Kind wieder in der altbekannten parentifizierten Rolle. Ist also gar kein Happy-End möglich? Doch schon, aber dafür müssten auch die Eltern etwas tun. Sie müssten sich genauso um ihre Anteile kümmern, um ihre tiefen Bedürfnisse. Sie müssten ihre Mauern abbauen, so dass sie sich selbst und in der Folge auch dem Kind zuwenden können. Das kann jeder von uns für sich und seine (künftigen) Kinder tun. Unsere Eltern werden wir dazu nicht bewegen können. Eine ganz schöne Ent-Täuschung, die erst einmal verkraftet werden muss. Sich so darauf einzulassen, ist wirklich schwer, denn auch bei einem selbst ist ein ganz mächtiger Schutz am Wirken, der das Erkennen und besonders das Erfühlen und Erspüren dieser Zusammenhänge verhindert und alles schön unter Schloss und Riegel hält.

  • Tief verankert und weit verbreitet ist die Hoffnung, das alles doch noch zu bekommen. Wie durch Zauberhand. Seinen Ursprung könnte diese Hoffnung im sog. magischen Denken des Kindesalters haben. Unabhängig vom zeitlichen Ursprung ist es so eine Art Band, das wie ein Gummiband wieder zusammenschnappt, wenn man sich zu weit entfernt. Und schwupps ist man wieder im alten Film und in den alten-neuen Streitgesprächen mit den Eltern. Ja, vielleicht klappt es diesmal?

  • Das ist ein noch ein Schutzanteil, der häufig sehr sehr jung ist, aus dem vorsprachlichen Zeitraum. Er klebt buchstäblich an den Eltern, besonders an der Mama. Sie ist die einzige Mama, die man hat und man je haben wird. Es kann auch eine Idealisierung hinzukommen, denn Mama ist einfach die Beste.

  • Andere Anteile rationalisieren, haben Verständnis, erklären alles durch die Lebensumstände. Die Erklärungen haben auch ihre Richtigkeit, dienen aber gleichzeitig dazu sich vor der eigenen Wahrnehmung und dem eigenen Schmerz zu schützen.

  • Es gibt noch ähnliche Anteile, die relativieren und vergleichen. Da man ja vielleicht nicht brutal geschlagen oder vergewaltigt wurde, war das ja alles gar nicht sooo schlimm. Anderen erging es viel viel schlechter. Die Relativierer sind auch in anderen Lebensbereichen weit verbreitet.

  • Die zähesten Anteile im therapeutischen Sinne sind die, die sich mit der Mutter oder mit dem Vater identifizieren. Sie haben Mitleid, so eine Art Pseudo-Empathie (Ich sage Pseudo-Empathie, weil die echte Empathie Grenzen, auch die eigenen, respektiert und alles andere als schmerzvoll-mitleidig ist.) mit der armen Mutter. Dadurch werden das eigene Leid und die eigenen Wunden äußerst zuverlässig zugedeckt. Man bleibt mit der Mutter verschmolzen und hat keinen eigenen inneren Raum. Auch die Abgrenzung funktioniert nicht zuverlässig oder manchmal gar nicht.

  • Und dann gibt es noch Anteile, die dem ganzen einen moralischen Wert beimessen. Sie sind schwer zu knacken, denn daran hängt das eigene Selbstwertgefühl und die Frage, ob man ein guter Mensch ist. Die moralischen Regeln (z. B. „Seine Eltern verlässt man nicht.“) sind so tief verankert, dass es fast unmöglich erscheint, gegen sie zu verstoßen, ohne die Höchststrafe zu kassieren.

  • Es gibt noch traumatisierte oder verletze Anteile. die durch Mini-Kontaktabbrüche gelitten haben und die einen Kontaktabbruch verhindern wollen. Das hat jeder erlebt: Man hat etwas gemacht, was Mama nicht gefallen hat, und man wurde mit einem Kontaktabbruch / dem eisigen Schweigen bestraft. In der Pädagogik / Psychologie spricht man meist von „Liebesentzug“ - das ist so ziemlich die Höchststrafe! Und dann sollte man sich freiwillig für so etwas entscheiden, auch wenn man derjenige ist, der sich das auferlegt? Never ever!

Was bedeutet das alles, wenn so viele Schutzanteile am Wirken sind? Heißt das, dass es fast unmöglich ist, sich daraus zu lösen? Doch, die Möglichkeit besteht, wenn man es will. Bei einigen Klienten habe ich erlebt, dass sie diesen Prozess schnell bewältigt haben und statt der Loyalität zur Familie einen neuen Referenzpunkt, sich selbst, gesetzt haben. Darauf folgt Trauer und neue Freiheit. Auch eine (wiederhergestellte) Integrität und Heilung. Dafür muss aber eine innere Bereitschaft vorliegen. Das Fass ist mittlerweile (über Jahre und Jahrzehnte) so übergelaufen, dass es gar nicht mehr anders geht, als diesen Schritt zu vollziehen. Manche haben danach weiterhin Kontakt zu ihren biologischen Eltern, manche nicht. Andere wiederum sind auf der Schwelle und können sich nicht entscheiden. Sie tasten sich in einigen Sitzungen daran, verzichten aber auf die Fortführung, wenn sie den eigentlichen Schmerzpunkten näher kommen. Sie sind noch nicht bereit oder haben zu viel Angst. Das ist auch in Ordnung. Anscheinend ist die Zeit (noch) nicht reif. Oder es ist für diese Menschen nicht so bestimmt.

Ich schreibe hier sehr offen über das Thema Kontaktabbruch, das eigentlich weiterhin zu den Tabuthemen gehört. Für mich ist es mittlerweile ein sehr selbstverständliches Thema geworden. Meine Erfahrungen damit sind kein Geheimnis. Durch die Corona-Maßnahmen und die verschiedenen Positionierungen dazu wird dieses Thema auch immer wieder verstärkt öffentlich oder in privaten Gesprächen angesprochen. Beispiele: Eine der besten Freundinnen meldet sich nicht mehr, weil sie eine andere Meinung zu den Maßnahmen hat. Familie oder Verwandte brechen Kontakt ab, weil man gegenteiliger Meinung ist. Bei vielen Menschen stößt es auf Unverständnis: Ja, man ist unterschiedlicher Meinung. Aber dass man deswegen das Freundschaftsverhältnis kündigt? Oder gar aus der Familie aussteigt oder ausgeschlossen wird? So etwas habe man noch nie erlebt. Liebe und Freundschaft sollten doch stärker sein als verschiedene Meinungen! Aber auch hier gewinnt mal der Schutz, mal die gesunde Abgrenzung. Die Situation dreht sich um. Können wir bestimmte Wahrheiten und Wahrnehmungen von Menschen nicht ertragen, die mit unserem Schutz kollidieren, müssen wir für ganz viel Abstand sorgen, uns notfalls für einen Kontaktabbruch entscheiden. Umgekehrt können uns unsere gesunden Anteile sagen, dass Abstand angesagt ist, weil die Kommunikation auf der tieferen Ebene nicht möglich ist oder sogar Gewalt, z. B. emotionale Abwertungen, mit im Spiel ist. Wir können uns auch, sofern wir standhaft genug ist, gegen eine Vereinnahmung wehren. Ihre Botschaft ist: „Du gehörst dazu, wenn du uns ähnlich ist / wenn du ähnlich denkst. Tust du es nicht, schließen wir dich aus, damit wir unser Selbst- und Weltbild aufrechterhalten können.“ Dabei wird häufig auf Abwertungen, Diffamierungen, Rationalisierungen usw. zurückgegriffen. Auch dies dient der Aufrechterhaltung des eigenen kohäsiven (kohäsiv = eingeschränkt stimmig) Selbst- und Weltbildes. 

Im Falle von Kontaktabbrüchen aufgrund von verschiedenen Positionen geraten viele Menschen in eine Achterbahnfahrt von Gefühlen und Empfindungen. Liebesentzug tut auf jeden Fall weh. Dann die Enttäuschung: Man dachte, dass die Freundschaft / die Familie auch solchen Widrigkeiten oder verschiedenen Positionen standhält. Und es weckt all die Erinnerungen an kleine und große Kontaktabbrüche von früher, die noch in der Psyche / im Körper gespeichert sind. Am schlimmsten ist aber wahrscheinlich das Fragezeichen: Warum? Ist das wirklich notwendig? Ist die Situation unüberwindbar?

Ich persönlich habe meinen Frieden mit dem Fragezeichen gefunden, zumal ich selbst sicherlich auch für einige gesorgt habe. Es gibt einen Weg, den ich gehe. Andere Menschen gehen ihre Wege. Und manchmal laufen wir eine kürzere oder längere Zeit zusammen. Nein, nicht auf einem Weg, sondern unsere Wege verlaufen in der Nähe zueinander. Manchmal gehen sie wieder auseinander, die Menschen verlassen mein Leben. Dafür kommen andere. Es hat so seinen Sinn. Ich lasse los und lasse die Menschen frei, deren Wege sich von dem meinen entfernen. In Liebe und Frieden. Und in Dankbarkeit. Wer weiß, vielleicht kommen sich unsere Wege irgendwann wieder näher. Vielleicht auch nicht. So oder so: Alles Gute! Und ich gehe weiter meinen Weg, was auch immer er bringen mag.

 

P. S.: Eine Empfehlung – ein wunderbarer Artikel auf Englisch zum Thema Kontaktabbruch Tochter-Mutter / Familie: Going No Contact: When Estrangement Is a Healthy Choice von Bethany Webster

P. P. S.: Ein Lied, das die tiefgehende Bindung / Identifizierung und ihre Nicht-Aufgelöstheit thematisiert, hier zwischen Mutter und Sohn – Metallica „Mama said“:
"Never I ask of you but never I gave

But you gave me your emptiness that I'll take to my grave"

 

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Bildnachweis:
Bild von Ulleo
Bild von Danielsphotowelt
Bild von Henryk Niestrój

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