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Langfristige Ziele in der spirituell orientierten Psychotherapie

 

Inhaltsverzeichnis

 

Mein Therapie-Verständnis

In der Therapie, wie ich sie verstehe und praktiziere, gibt es kurz- und langfristige Ziele. Kurzfristige Ziele sind z. B.: ein konkretes Problem lösen, ein offenes Ohr und neue Sichtweisen für eine aktuelle Belastung bekommen, einen Konflikt bearbeiten, sich "hüllenlos" zeigen und so Besserung erfahren. Manchen Menschen reicht es, einmalig oder von Zeit zu Zeit. Mit einigen Menschen arbeite ich langfristig zusammen. Und da stellt sich die Frage nach den langfristigen Zielen. Das Hauptziel ist ganz banal: ein friedliches, glückliches und auf allen Ebenen erfülltes Leben. Viele andere Ziele vervollständigen den Weg zu diesem Ziel. Das Hauptziel verbindet sich hier wunderbar mit meinem Therapieverständnis als einem Transformationsprozess auf allen Ebenen – Körper, Psyche, Geist–, der in Heilung und Selbstverankerung mündet*. Ohne eine spirituelle oder eine geistheilerische Komponente gelingt das nicht. Das Herumwerkeln an der Psyche ist leider nicht im Stande, diesen Prozess zu Ende zu führen, oder es bleibt bei zufälligen Gipfelerfahrungen, wie Carl Rogers es aus seiner Erfahrung beschrieben hat. Wenn ich mich recht entsinne, entstanden in seiner Arbeit mit Klienten spirituelle Erleuchtungsmomente, aber eher selten und komplett ungesteuert. In meiner Arbeit steuere ich bewusst auf dieses Erleben zu. Dafür muss die Psyche soweit bereinigt werden, dass der Mensch mit seinen Ur-Bedürfnissen und seinen Ur-Anteilen überhaupt in Kontakt treten kann. Das heißt, das erste Unterziel besteht darin, sich seinem Schatten zu stellen und so sein Ich zu erweitern.

Sich dem Schatten stellen, sein Ich erweitern

Unter Schatten versteht man alles, was Nicht-Ich ist, was aber trotzdem zum Menschen dazugehört. Der Schatten kann gewaltig sein und v. a. gewaltbereit und böse erscheinen. Das Böse entsteht allerdings erst durch die Abspaltung, durch die Unterteilung in Ich und Nicht-Ich, und kommt nicht direkt aus den Schattenanteilen. Die Schattenanteile beinhalten meist die eigenen vitalen Kräfte, die Ur-Instinkte, die Talente und die Möglichkeit der Anbindung an das Große Ganze. Wer sich konsequent seinem Schatten stellt, tut das Beste für seine Gesundheit. Den Schatten kann man an einigen Punkten relativ leicht erkennen: etwas, was uns im Außen unglaublich auf den Geist nervt, alles, was uns sehr fremd erscheint, alles, was wir verabscheuen, verurteilen und abwerten, alles, was wir an Feedback bekommen, womit wir nichts anfangen können, wovon wir uns explizit abgrenzen müssen oder was uns verletzt. Verletzt werden kann übrigens nur die Schutzschicht, das Ego. Eine Verletzung deutet also darauf hin, dass ein Thema im Schatten liegt. Wird der Schatten integriert, erweitert sich das Ich, also das Bewusstsein des Menschen. Der direktere Einfluss auf das eigene Leben wächst. Es gibt immer weniger Überraschungen a la: "Das habe ich aber nicht bestellt!"

Die Auseinandersetzung mit dem Schatten ermöglicht den Schritt zum nächsten Unterziel:

Versöhnung, Vergebung, inneren Frieden wiederfinden

Die Arbeit mit dem Schatten beinhaltet bereits eine Aussöhnung mit sich und der Welt. Trotzdem verdient dieser Punkt besonderer Aufmerksamkeit. Ohne Versöhnung und Vergebung (Da steckt ver-geben, also weg-geben darin.) halten wir weiterhin als alten Bitterkeiten und Verletzungen fest und projizieren sie auf Menschen, Umstände, erfinden Ausreden. Daher ist es wichtig, die Vergebung als einen aktiven Akt, also eine aktive Entscheidung mit einzubetten und gleichzeitig als Ziel zu definieren. Erst die Vergebung bringt inneren Frieden, nach dem sich so viele Menschen sehnen. Eine Klientin fragte mich spontan: "Warum kann mein Leben nicht einfach und leicht sein. So einfach friedlich? Ständig ist irgendetwas." Ich antwortete spontan: "Sie haben ein Selbstbild von sich zementiert, das Sie gerne von anderen bestätigt haben möchten. Das funktioniert aber nicht, weil die anderen auf den Schatten verweisen. Auch die Lebensumstände. Lassen Sie dieses Selbstbild los und werden Sie so, wie Sie wirklich sind. Nehmen Sie sich Stück für Stück an, dehnen Sie sich aus. Dann werden Sie Ihr friedliches Leben bekommen. Wie innen, so außen! Die anderen können Ihnen nur Ihren eigenen inneren Unfrieden spiegeln."

Um all diese Schritte zu vollziehen, braucht es aber Sicherheit und Vertrauen. Kein Mensch wird sich von seinem Selbstbild und seiner Komfortzone trennen, egal wie beschissen und anstrengend es mittlerweile in seinem Leben zugehen mag (Ja, nur Leidensdruck reicht leider nicht...), wenn er nicht etwas Vertrauen in den Prozess legt, was ebenfalls eine aktive Handlung ist.

Sich seinen Ängsten stellen und so das Vertrauen wiederherstellen als Basis für das Leben

Das (Ur-)Vertrauen ist keinesfalls verschwunden oder verlorengegangen, wie es häufig empfunden wird. Meist wird es aktiv nicht genutzt und durch Ängste und Glaubenssätze überlagert. Bei einigen Klienten erlebe ich, dass ihr (Ur-)Vertrauen noch originalverpackt ist. (Das Vertrauen ist vergleichbar mit einer Gabel. Sie würden der Gabel doch auch nicht die Schuld geben, dass sie nicht von alleine das Essen in Ihren Mund bewegt, richtig? Sie müssen sie schon nutzen oder am Anfang auch benutzen lernen. So gestaltet sich das auch mit dem Vertrauen, das in erster Linie ein Werkzeug ist.) Sie gehen so durchs Leben, ohne ihre Energie auf etwas Gezieltes zu fokussieren und wundern sich, dass sie ein mäßiges Ergebnis bekommen, dass sie so bewusst nicht haben wollen. Dass ihre Angst- und Glaubensanteile in dieses Ergebnis miteingeflossen sind, wissen sie nicht. Wenn man ein Ergebnis haben will, und das Vertrauen 50% und die Angst auch 50% betragen, dann kann man sich ja nicht wundern, wenn das Ergebnis mäßig wird oder aber es sehr sehr anstrengend sein wird, ein gutes Ergebnis zu erzielen. Also, ran an die Ängste! Hinter allen Ängsten steckt die tiefere Angst vor dem Tod. Es folgt also die Aussöhnung mit der eigenen Verletzlichkeit und Sterblichkeit. Ein überaus wichtiges Thema in diesen Zeiten, sehen wir doch an den politischen und gesellschaftlichen Vorgängen, was eine Nicht-Ausgesöhntheit mit dem Tod alles an pseudorationalen, an sich aber menschen- und lebensverachtenden Beschlüssen und Maßnahmen hervorbringen kann. Die Basis dafür ist aber pure Angst. Nach der Angst vor dem Tod gesellt sich die sich dahinterverbergende Angst vor dem Leben dazu, die sogar noch mächtiger sein kann. Voll und ganz ins Leben zu gehen mit allem, was man ist – eine unvorstellbare Vorstellung für viele Menschen. Stattdessen suchen sie vermeintliche Sicherheit in Dingen, Menschen, Geld usw. Sie sind aber nicht die Basis des Lebens. Die wahre Basis wiederzuentdecken und sich an sie anzubinden ist ein sehr wichtiges langfristiges Ziel des Transformationsprozesses und ein Schlüssel zu einem Leben in Frieden und Vertrauen.

Sich seinen Lebensaufgaben stellen

Wenn man sich seinen Ängsten stellt und sich mit dem Schatten aussöhnt, integriert man seine Kräfte, Instinkte und Talente. Logischerweise stellt sich dann die Frage, was man damit alles anfangen will im Leben. Die Lebensaufgaben zeigen sich meist nicht sofort, sondern erst mit der Zeit. Der Mensch muss sich in Vertrauen üben, dass er all die Gaben zu einem guten Zweck bekommen hat und dass er sie auch nutzen wird. Der Fall wird sicherlich eintreten, denn den Talenten und Gaben entwachsen auch Aufgaben und Verpflichtungen, die es zu entdecken und zu erfüllen gilt.

Ganzwerdung / Heilung

Der auf diesem Wege Fortgeschrittene kann sich dann voll und ganz seiner Heilung und seiner Ganzwerdung verschreiben. Was auf dem Entwicklungswege zwecks Erfahrung notwendigerweise auseinandergegangen ist, muss wieder zusammengefügt werden. Dabei wird es schöner und wertvoller als der ursprüngliche heile Zustand, da um viele Erfahrungen und Einsichten reicher. Ein ähnliches Prinzip wird in der japanischen Kunst namens Kintsugi angewandt: Das kaputte Porzellan wird wieder zusammengefügt, so dass die Risse golden wirken. Das Objekt bekommt so besonderen Charm und besonderen Wert, so als ob es durch das Kaputtgegangensein und Wiederzusammengefügtwerden veredelt worden wäre. Aber so wirkt es tatsächlich. Wer mit den Prozessen der Versöhnung und Vergebung mittlerweile per Du ist, wird die Notwendigkeit die Verletzung als Teil eines großen Plans zu sehen anerkennen und annehmen können. Das Ego hält natürlich lieber an der Verletzung und damit auch an der Opferrolle fest; es scheut die Eigenverantwortung. Letztere bestünde nun mal darin, die notwendigen Reparaturarbeiten alleine oder unter Anleitung, auf jeden Fall aber eigenhändig, durchzuführen. Auch lohnt es sich an dieser Stelle, sich mit den typischen Glaubenssätzen zu konfrontieren. Beispiele: "Ich kann das nicht." Oder: "Das ist unmöglich." Oder: "Das ist unheilbar." Die Heilung kann auf konkrete körperliche oder emotionale Symptome ausgerichtet werden und / oder ganzheitlich im Sinne der persönlichen Ganzwerdung begriffen werden.

Erleuchtung

Erleuchtung wäre erreicht, wenn das Ich eines Menschen mit seinem Selbst zu 100% übereinstimmen würde. Das ist DAS große Ziel des Lebens und der Entwicklung. Ob es erreichbar ist? Vielleicht. Wichtiger ist, es anzustreben und sich kontinuierlich dem eigenen Schatten zu stellen, also Schutzanteile aus seinem Ich zu entfernen und das Fehlende zu integrieren. Und so schließt sich auch der Kreis unserer heutigen Betrachtung der langfristigen Ziele in der spirituell orientierten Psychotherapie, denn wo viel Licht ist, ist auch der größte Schatten. Und jedes neue Licht wirft wiederum einen Schatten. Faszinierend, nicht wahr?

 

*Klienten meiner Praxis, die sich für eine langfristige Zusammenarbeit entscheiden, empfehle ich ab einem bestimmten Punkt, sich langfristige Ziele zu setzen. Es ist nicht so, dass diese Ziele nicht von Anfang an da wären. Das sind sie, allerdings nicht bei vollem Bewusstsein. In den ersten xy Sitzungen geht es natürlich auch um die Auseinandersetzung mit dem Schatten, um Heilimpulse, um Aussöhnung usw. Da der Klient aber noch über relativ zahlreiche Schutzmechanismen verfügt, wäre es nicht hilfreich, sich sofort langfristige Ziele bewusst zu setzen. Er muss zuerst lernen, dem Entwicklungsflow und den Prozessen zu folgen. Wurde das verinnerlicht und hat sich das Bewusstsein erweitert, lernt er im nächsten Schritt, seine Energie zu steuern, indem er sich langfristige Ziele setzt und an diesen Prozessen dranbleibt. Da er über weniger Schutzmechanismen verfügt, ist es wahrscheinlicher, dass es ihm gelingt, diese Ziele mit unverfälschter Energie aus dem Selbst / aus der Quelle und eben nicht aus dem Ego aufzuladen und sich selbst nicht bzw. weniger im Wege zu stehen. 

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