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Ur-Wunden und Ur-Kräfte: Vergiftete Liebe trinken

 

Inhaltsverzeichnis

 

Liebe und Leben gehören zusammen

Der Mensch braucht Liebe. Liebe und Leben gehören zusammen. Ohne Liebe kein Leben. Jeder, der auf die Welt kommt, will lieben und will geliebt werden. Das bleibt so und kann nicht abgestellt werden, es sei denn, es passiert eine Verletzung und der Mensch wendet sich von der Liebe ab.

In jeder Familie wird Liebe auf eine ganz eigene Art serviert. Einiges schmeckt den Kindern, anderes nicht. Manchmal wehren sie sich gegen das Nichtschmeckende wie gegen das berühmte Herumwischen im Gesicht mit einem Taschentuch – was für eine schrecklich liebevoll und gleichzeitig schrecklich übergriffige Handlung! Vieles erdulden sie aber auch, weil sie diese Liebe brauchen, auch mit all ihren Beimischungen. Sind die Beimischungen besonders giftig, lernen viele Menschen sie nicht als solche wahrzunehmen. Sie passen ihren Geschmack der Familienliebe an und trinken weiter, auch wenn es ihnen langfristig schadet. Nur die wenigsten gehen auf Abstand und verweigern die Einnahme.

Familienliebe ist niemals pur

Im Liebeskelch der Familie ist niemals nur pure Liebesenergie eingeschenkt. Jeder Mensch hat eine Psyche. Und jede Psyche verfügt über Schutzmechanismen, verborgene Verletzungen und abgespaltene Anteile, die den puren Liebesfluss verhindern. Man kann sich das so vorstellen, dass ein Teil des familiären oder mütterlichen / väterlichen Liebesgetränks sich direkt aus der Quelle speist, ein anderer aber muss durch vielfältige (psychische) Filter, bevor er im Kelch landet. Das verändert seinen Geschmack, seine Aussage, seine Konsistenz und seine Wirkung. Im Grunde genommen ist es immer noch die ursprüngliche Liebesenergie. Sie kann aber durch die vielen Filter so verzerrt sein, dass sie sogar als Übergriffigkeit und Gewalt daherkommt. Natürlich gibt es auch Anteile, die jegliche Verbindung zur Liebesquelle unterbinden. Dann ist der Kelch nicht so voll, wie er sein könnte. Vernachlässigung ist die Folge, ein wahrer Mangel. Nun muss jeder Mensch aus diesem Kelch trinken. Weigert er sich, stirbt er. Insofern hat jeder von uns diese Verletzung der vergifteten Liebe im Kleineren oder im Größeren erlitten. Je nach Grad der Verletzung haben wir aber unterschiedliche Entscheidungen im Umgang damit getroffen.

Die zwei Entscheidungen

Grundsätzlich lassen sich die vielfältigen Entscheidungen auf zwei Hauptentscheidungen reduzieren. Bei der ersteren entscheidet sich der Mensch, trotzdem weiterhin vom Liebeskelch inkl. der Giftanteile zu trinken. Was anderes gibt es ja auch nicht und es ist immer noch besser als gar nichts. Außerdem droht bei Verzicht die quälende Einsamkeit. Die Folge ist, dass ihm etwas mehr Liebe zuteil wird. Die andere Entscheidung, bei der der Mensch besonders sensibel auf die Giftanteile im Liebeskelch reagiert, besteht darin, ab jetzt möglichst auf den Liebeskelch zu verzichten. Diese Entscheidung kann die gesamte Familie betreffen oder z. B. nur einen Elternteil: Vom Vater nehme ich (da weniger giftig), aber von der Mutter nicht mehr oder nur, wenn es sich überhaupt nicht mehr vermeiden lässt. Das hat zur Folge, dass dieser Mensch weniger Liebe bekommt, dafür die Chance hat, etwas früher und umfassender in seine Kraft zu kommen. Die Einsamkeit nimmt er mehr in Kauf. Verbunden sind beide Entscheidungen mit einer Wut, die im Hintergrund verbleibt und auf diese Entscheidung verweist. Der Letztere ist darüber wütend, dass ihm keine pure Liebe zuteil wurde, auch wenn er manchmal fester Überzeugung ist, die Liebe gar nicht zu brauchen. Und diese Überzeugung kann verdammt echt wirken! Der Erstere ist darüber wütend, dass er für die Liebe mit Verzicht auf seine Kraft bezahlen musste. Im Endeffekt haben wir alle beide Muster und beide Entscheidungen in uns, nur zu unterschiedlichen Anteilen. Ich stelle hier die Extremfälle dar.

Die Illusion und ihre Überwindung

Die Wut unterliegt der Illusion, dass es möglich wäre, in seine Kraft zu kommen oder die pure Liebe zu trinken, ohne mit dem Giftliebeskelch in Berührung gekommen zu sein. Da alle Menschen über eine Psyche verfügen und die wenigsten erleuchtet sind, ist dies nicht möglich. Jeder, wirklich jeder, muss auch die heilvoll-unheilvolle Mischung kennenlernen und seine Erfahrungen damit gemacht haben, um zur puren Version überhaupt erst vordringen zu können. Dafür muss er sich die Geschichte seiner Entscheidung ansehen. Häufig offenbaren sich dabei mehr oder weniger unterdrückte Ekelgefühle, denn die natürliche Reaktion auf Giftiges und Unbekömmliches ist Ekel. Ist der Ekel ausgedrückt und die Notwendigkeit dieser Erfahrung anerkannt worden, wird es möglich sein, die verbliebene Wut zu transformieren, indem der Wut-Anteil, der ein kindlicher ist, an die pure Liebe und an die pure Kraft angeschlossen wird, auch auf die Gefahr hin, dass noch einiges an Schmerz hervorbricht. Das Volltanken mit purer Liebe ist wundervoll, denn ab diesem Punkt muss man keine Deals mehr eingehen. Man kann beides haben: pure Liebe und pure Kraft, beides direkt aus der Quelle. Und wer einem etwas Giftiges anbietet, wird freundlich, aber bestimmt abgewiesen. Außerdem hindert niemand mehr einen daran, die angebotenen Liebesgetränke selbständig zu filtern und von allem Giftigen zu befreien.

 

Fragen zum Nachforschen und Ergründen

  • Welche Entscheidung habe ich bezüglich des Familienliebeskelchs getroffen? Welchen Weg bin ich gegangen?
  • Wie gut bin ich an die Quelle (der Liebe, der Kraft) angebunden?
  • An welchen Stellen trage ich noch das psychische Gift in mir, das mir via Familienkelch zugeflossen ist? Wie kann ich dieses wieder auflösen oder unschädlich machen?

 

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