freiRaum2-Banner-Frühling-3

Fremde Bedürfnisse erfüllen

 

Inhaltsverzeichnis

 

Fremde Bedürfnisse zu erfüllen ist an sich nicht verkehrt! Der andere Mensch ist zufrieden und uns fließt Wertschätzung, Liebe und Dankbarkeit zu. So einfach die Theorie. In der Praxis sieht es anders aus, denn fremde Bedürfnisse wahrhaftig zu erfüllen ist eine Kunst für sich. Woran liegt es also, dass wir es nicht schaffen und dann auch noch mit Ablehnung oder sogar mit Wut und Hass konfrontiert werden?

Vorstellung von fremden Bedürfnissen

Häufig erfüllen wir die Vorstellung von dem, was wir meinen, was die Bedürfnisse eines anderen Menschen sind, und gar nicht seine wahren Bedürfnisse. Wir haben uns also nicht in den anderen eingefühlt oder ihn nach seinen Bedürfnissen befragt, sondern setzen voraus, dass wir wissen, was der andere braucht. Als Ergebnis kommt zweierlei in Frage: Der andere spielt mit und wir bekommen Zuwendung, die allerdings ein Fake ist. Denn der andere muss mehr oder minder bewusst lügen, dass wir mit der Bedürfniserfüllung recht hatten. Oder wir werden mit Ablehnung konfrontiert. Das ist immerhin eine ehrliche Antwort, wobei es fast allen von uns schwer fällt, mit dieser Antwort umzugehen. Lieber hätten wir die Bestätigungs-Lüge genommen. Aber warum ist es so?

Der Deal und das wahre Gleichgewicht

Dahinter versteckt sich ein Deal. Erfülle ich dem anderen seine "Bedürfnisse", bin also besonders "lieb" zu ihm, dann gehe ich in Vorauszahlung. Er ist also zu einer Gegenleistung verpflichtet. Nun, alle Beziehungen basieren auf dem Geben-und-Nehmen-Prinzip und es ist ein Naturgesetz, dass alles nach Gleichgewicht strebt. Wo ich etwas gebe, werde ich auch etwas bekommen. Nur hier geht die Rechnung nicht auf, denn ich erfülle ein Phantasiebedürfnis. Würde ich ein echtes Bedürfnis erfüllen, würde ich auch meinen Liebes-Lohn bekommen. Erfülle ich ein Phantasiebedürfnis, bekomme ich auch meinen Lohn, entweder in Form von Fake-Liebe oder in Form von Ablehnung. Letzteres ist zwar schmerzvoll, gibt aber eine wertvolle Chance, diesen Sachverhalt aufzuräumen. Gleichzeitig wehrt man diese Chance meistens ab, weil dann der Deal auffliegen würde. Was ist hier in der Tiefe los?

Die Wertigkeit

Ein wichtiger Aspekt ist die Wertigkeit der Bedürfnisse. Wer fremde Bedürfnisse über die eigenen stellt, wird ein Problem bekommen und erst recht versuchen, Phantasiebedürfnisse zu erfüllen. Das hintergründige Problem der Wertigkeit: Ich kenne ja meine Bedürfnisse nicht so gut und wertschätze sie weniger als die fremden. Wenn ich aber meine eigenen Bedürfnisse weniger kenne und wertschätze, dann verhält es sich mit den fremden genauso! Zur Not kann man sich natürlich durch z. B. hohe Ansprüche wahlweise an sich oder an andere oder gleich an alle verschanzen und aus diesem Grund vorsorglich in Ablehnung gehen: Die anderen sind nicht gut genug.

"Ich gebe zu viel"

Viele Menschen haben auch einen Anteil, der glaubt, zu viel zu geben und zu wenig zu bekommen. Nun, er verschätzt sich etwas. Er gibt tatsächlich zu viel, aber vom Falschen. Und er bekommt zu wenig von dem, was er in Wirklichkeit braucht, und zwar Liebe, dafür aber trotzdem genau die richtige Menge gemessen an der Richtigkeit dessen, was er gibt. Auch hier wird für wahres Gleichgewicht gesorgt, auch wenn es sich psychisch nicht so anfühlt.

"Ich gebe zu wenig"

 Ein anderer Anteil glaubt, zu wenig zu geben (und vielleicht auch zu viel zu bekommen). Auch er hat recht. Gleichzeitig zum anderen Anteil, der glaubt, zu viel zu geben. Letzterer gibt ja auch zu viel vom Falschen. Ersterer gibt zu wenig vom Richtigen. Also, er gibt zu wenig echte Bedürfniserfüllung und echte Liebe.

Die Lösung

Die Lösung bestünde darin, zum eigenen Schmerz und zur Trauer vorzudringen, nicht genug oder das Falsche bekommen und gegeben zu haben. Durch das Fühlen des Schmerzes kommen alle Anteile endlich auf ihre Kosten und das Gleichgewicht stellt sich von alleine wieder her. Auch kann ein Anteil auftauchen, der sich so dermaßen abgekapselt hat, dass er meint, niemand würde sich um ihn kümmern. Zeit, sich um ihn zu kümmern, sofern er das zulässt!

Der Kaktus

Einen erhöhten Schwierigkeitsgrad im Hinblick auf eine Lösung stellt der Kaktus-Anteil dar, der den "Niemand kümmert sich um mich"-Schmerz-Anteil beschützt. Statt sich die Bedürftigkeit einzugestehen, fährt er die Dornen aus. Er will bloß nicht als der Schwächere, der Verlierer, hervorgehen. Lieber den Anschein wahren, die Energie in Stacheln umwandeln und nach außen mehr oder weniger kräftig stechen. So bleibt man im verletzten Kern schön geschützt.

Fass ohne Boden

Eine andere Schutzstrategie bildet das sog. Fass ohne Boden. Das ist ein Anteil, der so bedürftig ist, dass er glaubt, dass er nie erfüllt werden kann. In ihm ist das Gefühl gespeichert, dass Erfüllung nicht möglich war und ist. Außerdem hat er keinen Boden, ein Fass ohne Boden also, manchmal auch als Loch im Bauch spürbar. Auch wenn Erfüllung kommt, rasselt sie sofort durch. Die Folgerung lautet: "Es lohnt sich eh nicht!". 

Fremde Bedürfnisse wahrhaftig erfüllen

Fremde Bedürfnisse zu erfüllen ist etwas, was uns auch Erfüllung und Zufriedenheit bringt und für unser Zusammenleben und unsere Beziehungen sehr wichtig ist. Ebenfalls wichtig ist, dass wir uns bewusst dafür entscheiden und andere Anteile von uns am selben Strang ziehen. Wichtig ist auch, dass wir diese fremden Bedürfnisse tatsächlich erfühlt oder erfragt haben. Dann werden wir belohnt.

 

Fragen zum Nachforschen und Ergründen

  • Wie gut bin ich darin, fremde Bedürfnisse zu erfüllen? Kann ich das besser als meine eigenen Bedürfnisse zu erfüllen? Wie kommt das? Oder wird mir eher vorgeworfen, dass ich für fremde Bedürfnisse blind und taub bin?
  • Kann ich meine Bedürfnisse gut zum Ausdruck bringen? Kann ich fremde Bedürfnisse gut erfühlen oder erfragen? Oder erfülle ich eher die Vorstellung von Bedürfnissen als die eigentlichen Bedürfnisse der anderen?
  • Fühle ich mich erfüllt, wenn ich fremde Bedürfnisse erfülle? Oder bleibt der Lohn aus und ich werde unzufrieden oder wütend? Oder verdränge ich die Unzufriedenheit und die Wut in meinen Körper?

 

Zurück zum Blog

Bildnachweis:
Bild von Adina Voicu auf Pixabay
Bild von StockSnap auf Pixabay
Bild von Jacques GAIMARD auf Pixabay