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Wie Spaltung in die Überverantwortung führt: zu viel Verantwortung für andere übernehmen

 

Inhaltsverzeichnis

 

Haben auch Sie dieses Muster? 

Gehören Sie auch zu den Menschen, die zu viel Verantwortung für andere übernehmen und in der Folge zu wenig für sich selbst? Erst sorgen Sie dafür, dass es allen anderen gut geht und dann sind Sie dran? Dann sind Sie in guter Gesellschaft, denn davon sind viele Menschen betroffen! Besonders häufig ist dieses Muster bei Menschen anzutreffen, die in sogenannten sozialen Berufen arbeiten (Es trifft aber genauso häufig in ihrem Familiensystem auf.). Das ist auch nicht verwunderlich, laden soziale Berufe doch zum legitimierten Ausleben dieses Musters ein, da es in diesen Berufen jemanden gibt, einen Patienten, einen Schüler, einen Klienten, der bedürftig ist und Hilfe braucht. Und dann gibt es noch den Helfer, der sich engagiert, um diesem Menschen aus seiner Bedürftigkeit zu helfen, oder der sie zumindest lindern will. Man könnte meinen, dass das doch ein guter Deal ist. Aber: Fehlanzeige! Durch die Überverantwortung bleibt der Bedürftige meist bedürftig und der Helfer fühlt sich häufig um seinen Lohn  betrogen, die Folgen sind Frustration oder sogar ein Burn-Out, denn die Investition hat sich nicht bezahlt gemacht. Dabei hat der Helfer einen entscheidenden Fehler gemacht: Er war nicht nur überverantwortlich und dadurch übergriffig, richtete also seine Verantwortungsfähigkeit auf jemand anders statt auf sich selbst und den Prozess, sondern ist energetisch in Vorleistung gegangen, manchmal sogar vabanque oder über die eigenen Energiereserven hinaus, in der Hoffnung später den Ausgleich dafür zu bekommen. Das trifft meist nicht ein, wodurch energetische Schulden bei sich selbst entstehen. Autsch.  

Auf der oberflächlichen Ebene der Hilfestellung und auf der tieferen psychischen Ebene sind der Helfer und der Bedürftige tatsächlich wie zwei Puzzlesteine, die ineinander passen.

Die Verantwortung des Helfers

Natürlich ist der Helfer nicht nur für sich selbst verantwortlich, sondern auch für den Prozess, sofern er Elternteil, Lehrer, Arzt, Therapeut etc. ist. Für den Partnerprozess sind beide Partner zu gleichen Anteilen verantwortlich. Für den anderen Menschen, seine Gedanken, Gefühle, sein Handeln, kann der Überverantwortliche gar nicht verantwortlich sein, auch wenn er es gern wäre oder so tut, als wäre er das. Wie kommt das aber zustande?

Die Entstehung des Musters

Das Muster entsteht durch eine frühe Abspaltung des Eigenen. Das abgespaltene Eigene ist ein Teil der eigenen Bedürfnisse und der eigenen Kraft. Die Abspaltung bewirkt, dass der Mensch versucht, das Abgespaltene über die Einwirkung auf jemand anders, was der Überverantwortung gleichkommt, zurückzuholen. Dem anderen soll geholfen werden, er soll nicht mehr bedürftig sein. Dass das nicht funktionieren kann, ist offensichtlich. Wie kommt es aber überhaupt dazu, dass sich jemand, wenn auch unbewusst, gegen seine Bedürfnisse und gegen seine Kraft (oder zumindest einen Teil davon) entscheidet?

Das fängt schon früh an. Stellt ein Kind (unbewusst) fest, dass auf seine Bedürfnisse nicht (vollständig) eingegangen wird, der Kontakt nicht auf allen Ebenen herrscht und es in seinem Sein, also auch in seiner Kraft, nicht komplett anerkannt wird, spaltet er diese Teile von sich ab. Würde das Kind es nicht tun, würde es den ganzen Schmerz der Nicht-Erfüllung und des Nicht-gesehen-Werdens spüren. Es wäre ganz auf sich allein gestellt und würde sterben. Die Lebens- bzw. die Überlebenskraft ist in vielen Fällen stärker und sorgt für die Möglichkeit trotz der widrigen Umstände weiter zu leben. Die Psyche spaltet sich, es entsteht eine Überlebensstruktur und eine innerpsychische Grenze. Die Grenze, die also in der Psyche des Individuums (Individuum heißt übrigens übersetzt unteilbar... In der Überlebensstruktur ist das Individuum aber entgegen seiner Definition geteilt...) entsteht, fehlt dann an einer anderen Stelle: in der Beziehung zum anderen. Statt mit sich selbst ganz zu sein, verbindet sich das gespaltene Individuum mit der Überlebensstruktur der Bezugsperson. Selbstverständlich ist die Bezugsperson ebenfalls gespalten, sonst wäre der Mangel beim Kind erst gar nicht entstanden. Ab jetzt versucht der Mensch seine Ganzheit ganz oder teils über den anderen wiederzuerlangen, statt sie, wie es eigentlich von der Natur vorgesehen ist, von der wichtigsten Bezugsperson gespiegelt und bestätigt zu bekommen (s. Skizze, zum Vergrößern bitte drauf klicken).

Gleichzeitig strebt jedes System immer wieder nach Ganzheit und Harmonie. Da die Überlebensstruktur stark ausgeprägt ist, versucht es zuerst, genauso wie es einem Kind entsprechen würde, seine Ganzheit über das Außen, hier aber im Überlebensmuster der Überverantwortung wiederherzustellen. Gleichzeitig sorgt diese Struktur dafür, dass zumindest ein Teil der Bedürfnisse erfüllt wird und man überleben kann.

Im Laufe des Lebens drängt das Abgespaltene immer mehr. Der Mensch hat sich entwickelt und kam vielleicht (halb-bewusst) zur Einsicht, dass seine bisherigen Strategien, das Verlorene zurückzuholen, fehlgeschlagen sind. Die Sehnsucht nach dem Verlorenen bleibt aber. Einige Menschen können es konkret benennen: "Ich will ganz bei mir sein." Andere merken, dass sie etwas suchen, oder sie spüren einfach eine tiefe Sehnsucht, wonach auch immer. Durch die Überlebensstruktur haben sie anscheinend aber auch gute Voraussetzungen in ihrem Leben geschaffen, den Umkehrprozess einleiten zu können. Die Ressourcen sind da und dann kann es losgehen: Der Mensch übernimmt die Verantwortung an der richtigen Stelle, und zwar für sich selbst und damit automatisch auch für das große Ganze! Die Angst vor dem sog. Egoismus ist hier fehl am Platze und entspringt der Überlebensstruktur.

Die Rechnung geht nicht auf

Das Muster der Überverantwortung beinhaltet überdies, dass der Mensch sich verausgabt. Er steckt Energie, manchmal mehr als er hat, in das Fremde, und verschuldet sich so bei sich selbst. Warum macht er das? Nun, er erwartet einen Lohn, meist in Form von Wertschätzung (sprich, Liebe). Auch ist es ein unbewusster Versuch, das Verlorene zurückzuholen. Die Folgen sind allgemein bekannt: die Klagen über die fehlende Wertschätzung, z. B. für die geleistete Arbeit zu Hause oder im Beruf, Vorwürfe, Groll, Gereiztheit, Burn-out.

Ein Beispiel verdeutlicht den Vorgang. Stellen Sie sich vor, Sie sind Arzt und haben heute Termine mit 10 Patienten. Sie haben für jeden eine Einheit Energie reserviert, 10 Energieeinheiten für 10 Termine. Die ersten fünf Patienten sind vielleicht an einer Stelle gespalten, perfekt sind sie sicherlich nicht, denn auch sie haben Probleme und Symptome, aber keine, die zu Ihrem Muster passen. So haben Sie für 5 Patienten 5 Energieeinheiten verbraucht, vielleicht sogar weniger. So weit, so gut. Nun betritt Patient Nummer 6 die Bühne, ich meine, Ihr Behandlungszimmer, und bringt genau das passende Muster mit. Er ist Ihr Spiegel. Vielleicht sind Sie leicht genervt (kostet Energie!) und wollen ihn möglichst schnell wieder loswerden (Wollen kostet Energie!). Der Patient spürt Ihre Ablehnung und lässt sich nicht abwimmeln. Sie spüren seine Ablehnung, und Ablehnung ist immer ein unangenehmes Thema! Sie wollen diese Ablehnung vermeiden und versuchen vielleicht den Patienten milder zu stimmen. Außerdem haben Sie vielleicht Mitleid mit ihm (Spätestens hier gibt es keine Grenze mehr zwischen ihm und Ihnen!). Sie überlegen, wie Sie ihm sonst noch helfen könnten (Das alles kostet viel Kraft). Natürlich hat er für jeden Ihrer Vorschläge eine gute und plausible Erklärung, warum dieser Vorschlag nicht geht. Sie reden auf ihn ein oder Sie lassen es. Sie sind zwar erleichtert, als er wieder geht, aber es hat Sie, sagen wir mal, 4 Energieeinheiten gekostet. Für die restlichen 3 Patienten bleibt Ihnen also nur noch eine mickrige Energieeinheit zu Verfügung. Haben Sie für Patient Nummer 6 6 Energieeinheiten verbraucht, sind Sie bereits im Minus und müssen bei sich Schulden machen, um die anderen Termine bestreiten zu können. Am Ende des Tages sind Sie reif für den Urlaub. Oder gleich für die Rente!

Wenn Sie so etwas Ähnliches machen, fragen Sie sich ernsthaft, wie lange das noch gut geht und wie lange Sie sich das noch antun wollen. Selbst wenn Sie gesund und fit sind, kommt früher oder später die Rechnung. Und da werden Sie einen Schock bekommen, wie sie ausfallen wird!

Verwechslung: Das Eigene ist das Fremde und das Fremde ist das Eigene

Die Wahrnehmung des Menschen ist also durch den Vorgang der Abspaltung umgepolt. Das Fremde wird als Eigenes wahrgenommen. Das Eigene als fremd bzw. als nicht spürbar. In der Praxis wird der Umkehrprozess eingeleitet. Wenn ich einem Klienten sein abgespaltenes Eigenes spiegele, ist die erste Reaktion darauf pure Kontaktlosigkeit. Das Eigene ist so fremd geworden, dass da kein Kontakt möglich ist. Gleichzeitig ist das der beste Schutz vor dem ursprünglichen Thema. Schritt für Schritt ist es dann möglich, sich dem Eigenen wieder zu nähern und es zu integrieren. Die innere Grenze baut sich ab, die nach außen fängt an zu wachsen (S. Schaubild 3 weiter oben).

Das Leben spiegelt immer das Eigene

Ist Ihnen bewusst, dass Ihr Leben, also das, was in Ihrem Leben passiert und all die Menschen um sie herum, Ihnen Ihr Eigenes spiegelt? Im Guten wie im Schlechten? Im Bewussten wie im Abgespaltenen? Sammeln Sie doch Hinweise für Abgespaltenes:

  • Alles, was Sie nicht verstehen und einordnen können, warum es Ihnen passiert.
  • Alles, was Sie nervt und belastet: Situationen, Menschen, Dinge.
  • All die Vorwürfe, mit denen Sie konfrontiert werden.
  • Alle Ihre Symptome, körperlich wie emotional.
  • Alles, was Sie gern vermeiden.

Das Leben ist Ihr Lehrmeister und schickt Ihnen immer wieder Aufgaben und Hinweise. Erledigen Sie diese Aufgaben nicht, verstärken sich die Hinweise, bis Sie irgendwann "nachsitzen" müssen. Dass Sie nachsitzen, merken Sie daran, dass ein Muster sich immer wieder wiederholt oder eine Krise die nächste jagt. Hat jemand Sie verraten, ist das Thema Verrat und v. a. Selbstverrat dran (Wo habe ich mich selbst verraten? Wo habe ich einen Teil von mir abgespalten und somit verraten?). Haben Sie alles verloren, steht wohl eine Grunderneuerung an, die Sie bislang verweigert haben. Bekommen Sie eine lebensbedrohliche Krankheit und müssen zur OP ins Krankenhaus, ist wohl endlich die Auseinandersetzung mit dem Thema "Tod und Sterben" dran. Und nie, wirklich nie, wird es Ihnen gelingen, all das eigene Abgespaltene dieser Themen über jemand anders zurückzuholen. Die Überverantwortung wird sie wieder einmal leer ausgehen lassen. Aber auch diese Erfahrung brauchen Sie, um dann endlich den Entschluss zu fassen, die Hinweise des Lebens anzunehmen und freiwillig zu lernen.

Und was lernt der Helfer daraus? In erster Linie eins: Echte Hilfe ist immer nur Hilfe zur Selbsthilfe und darf nie aus eigenem Mangel heraus entstehen.

 

Fragen zum Nachforschen und Ergründen

  • Wie ist es in meinem Leben? Übernehme ich zu viel oder zu wenig Verantwortung? Für wen? In welchen Bereichen? Mit welchen Konsequenzen?
  • Arbeite ich vielleicht in einem Helfer-Beruf? Wie bin ich da reingekommen? Wie gehe ich mit meiner Helferrolle um?
  • Fällt es mir leichter, mich für Belange anderer einzusetzen als für meine eigenen? Wenn ja, ist dies ein deutlicher Hinweis für die Struktur der Überverantwortung.
  • Bekomme ich häufig ein schlechtes Gewissen? In welchen Situationen? Und mit wem? Ist mir bekannt, dass das schlechte Gewissen meist darauf hindeutet, dass ich für meine Bedürfnisse gesorgt habe, also autonom gehandelt habe, mir das aber nicht erlaube und mich deshalb schuldig fühle?
  • Gibt es Vorfälle und Ereignisse in meinem Leben, die bei mir ein Fragezeichen auslösen? Bei denen ich also nicht verstehe, was sie mit mir zu tun haben? Diese Vorfälle und Ereignisse sind die besten Hinweisgeber für abgespaltenes Eigenes.
  • Bin ich bereit den Umkehrprozess einzuleiten und mein abgespaltenes Eigenes zurückzuholen? Bin ich bereit für Selbstverantwortung?

 

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