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Die Todeswunsch-Anteile

 

Inhaltsverzeichnis

Ein Anteil will sterben. Was bedeutet das?

 

Fast jeder Mensch trägt todessehnsüchtige Anteile in sich

Praktisch jeder Mensch hat Anteile in sich, die sich den Tod wünschen. Häufig ist die Arbeit mit ihnen mit Berührungsängsten verbunden. Es geht um solche empfindlichen und berührenden Themen wie Tod, Trauer, Suizidalität, aber auch um die Lebensqualität und den Wert des Lebens. In der konkreten therapeutischen Arbeit damit hilft es meines Erachtens nicht, den Wert des Lebens als absolut zu setzen. Denn da wird die Rechnung ohne den Tod, der zum Leben dazugehört, gemacht und es kann gut sein, dass das Ignorieren dieser Anteile, ihr Verdrängen und Verleugnen genau das bewirken, was man so gern vermeiden würde: Krankheit, Unfälle, Gebrechlichkeit, einen konkreten Todeswunsch oder sogar den Tod.

Der physische Tod ist nicht die Lösung

Der physische Tod ist nicht die Lösung. Zum Einen würde es in vielen Fällen reichen, nur die Anteile, die sterben wollen, psychisch sterben zu lassen, oder sich mit dem Tod auszusprechen und sich mit seiner Energie (des Loslassens, der friedhöflichen Ruhe, der Abwesenheit von Gegensätzen) gut zu verbinden. Zum Anderen würde man bald wieder von vorne anfangen müssen, wenn man von der Reinkarnationshypothese ausgeht. Im nächsten Leben hätte man dann noch den Selbstmord mit als Belastung von Anfang an dabei.

Bleiben wir bei diesem Leben und schauen uns ein Beispiel an. Ein Mensch ist suizidgefährdet. Einige Anteile treiben ihn in den Tod. Was sind das für Anteile? Sind das Gedanken- und Verhaltensmuster, die nicht mehr zu seinem aktuellen Leben passen? Stimmen, die ihm einreden, dass er wertlos ist? Vielleicht, dass sich nichts lohnt? Gefühle der Verzweiflung? All das sind (Trauma-)-Erinnerungen, die gleichzeitig durch die Situation im Außen angetriggert werden und durch die Situation im Inneren ein Ultimatum bekommen: Ihr müsst sterben, denn ihr behindert unsere Weiterentwicklung. In einer kontrollierten Praxis-Situation ist es möglich, in diese Erinnerungen zu gehen, sie abzuschließen und anschließend die Anteile, die sterben wollen, loszulassen, also sterben zu lassen. Danach ist eine Zuwendung zum Leben in einer neuen Qualität möglich. Vielleicht ist es noch kein 100%-Ja zum Leben und all seinen Facetten, aber auf jeden Fall der erste Schritt zu diesem Ziel.

Es gibt zwei Arten von Anteilen: gesunde Anteile und Überlebensanteile

Tiefenpsychologisch unterscheide ich auch an dieser Stelle zwischen gesunden Anteilen und Überlebensanteilen. Hört es sich seltsam, fast frevelhaft an, dass der Wunsch zu sterben gesund sein kann? Irgendwo habe ich gelesen (Vielleicht kann mir jemand den Autor nennen? War das Jesper Juul?), dass ein Selbstmord der letzte autonome Akt eines Menschen sein kann. Manchmal auch sein erster und letzter, wenn dieser Mensch sein ganzes Leben fremdbestimmt verbrachte. Für mich ist es ein Anteil, der sehr wichtig und sogar weise ist, zeigt er doch an, ob ein Mensch ein lebenswertes Leben führt und ob sein Leben an seinen inneren Standards gemessen in Ordnung ist.

Es gibt auch einen Überlebenstodeswunsch und der ist fremdbestimmt. Man war z. B. als Kind nicht gewollt. Da kann so eine Information in den Körperzellen gespeichert sein wie z. B.: „Ich wäre lieber meiner Mutter zuliebe gestorben, als ihr zur Last zu fallen.“ Oder die Eltern wollen einen Jungen und man ist ein Mädchen geworden. Dann gibt es so etwas, wie „Als Mädchen bin ich nicht l(i)ebenswert. Ich hätte lieber sterben sollen.“

Umgang mit solchen Anteilen in der Therapie

Solche Anteile sind nicht so schwer aufzuspüren. Häufig melden sie sich ganz deutlich. Es gibt aber, wie gesagt, Berührungsängste seitens der Therapeuten. Und auch für die Klienten ist es oft „too much“. Etwas, was sie gar nicht zugeben wollen, dass es in ihnen steckt. Ein Tabuthema. Zumal dann die Befürchtung kommt, man könne wegen Suizidalität ausgefragt oder sogar eingewiesen werden. Die Rollen sind da klar verteilt: Der Therapeut muss sicher gehen, dass der Klient nicht akut suizidgefährdet ist. Der Klient muss glaubhaft versichern, dass er nicht suizidal ist. Oder eben nicht. Abseits von diesem eingeübten Rollenspiel – hier geht es v. a. um rechtliche Belange und den Schutz des Lebens – gibt es nicht so viele Anweisungen im Umgang damit. In den einschlägigen psychologischen und psychotherapeutischen Lehrbüchern steht, dass das offene Reden über Todeswünsche hilft und diese Wünsche mindert. Das ist logisch. Es sind eben wichtige Anteile, die gehört und anerkannt werden wollen. Auch sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Stabilität des individuellen (und häufig auch des familiären) psychischen Systems.

Wie sieht die praktische Umsetzung aus?

Im Praktischen stellt sich für mich die Frage, wie ich in einer Sitzung ein autonomes Sterbenwollen von einem fremdbestimmten unterscheide und wie ich damit umgehe. Es ist tatsächlich vom Einzelfall abhängig. Merke ich das Fremdbestimmte und / oder das Unstimmige an der Erzählung des Klienten („Meine Mutter war 17, als ich geboren wurde. Sie versicherte mir aber immer, dass ich gewollt war“), sind da Überlebensanteile am Werk, die die Mutter (und auch sich selbst) vor der Wahrheit beschützen, indem sie z. B. rationalisieren oder eine scheinbar stimmige Geschichte erzählen. Solche Anteile lassen sich auseinanderdividieren – was gehört zur Mutter? Was zum Klienten? Wer wollte wen nicht? Wie schmerzvoll ist das Zulassen der Wahrheit? Darf sie jetzt sein? Wenn das bereinigt ist, wird auch Selbstliebe und ein Ja zu sich selbst möglich. Im Grunde ist es Traumaarbeit, an deren Ende Selbstverbindung steht.

Welche Botschaft trägt der autonome Todeswunsch in sich?

Mit dem autonomen Todeswunsch verhält es sich etwas komplexer. Er ist ein ureigener Messgrad, ob man sich selbst entspricht. Er zeigt auch den Selbstverrat auf. Das Anerkennen des Selbstverrats und das Zulassen des Schmerzes darüber ist ziemlich das Intensivste: Ich habe mich verraten, ich habe mich an die Umstände gegen meinen Urwillen angepasst, ich habe mich zum Sklaven gemacht, ich habe mir Fesseln angelegt und den Schlüssel weggeworfen und verneine meine eigene Verantwortung für diese Handlung. Die Fesseln wollen aber gesprengt werden und der Weg dahin kann der Tod sein. Einen echten Tod würde ich verständlicherweise nicht herbeiführen wollen, aber einen symbolischen, imaginären. Das Ich stirbt, damit es neu auferstehen und es selbst sein kann. Das ist ein Prozess des tiefen Loslassens, der Geborgenheit, der Entspanntheit und der Ruhe. Nur die Angst davor ist groß. Das ist so, als würde man von einem hohen Brett ins Wasser springen und man hätte es noch nie gemacht. Man steht am Rand des Brettes, man sieht nach unten, man sieht das dunkle Wasser. Man wird frei fliegen und dann ins Nichts tauchen und vor diesem Nichts ist die Angst enorm. Wer sich darauf einlässt, wird einen kurzen Moment das Nichts erleben. Er wird erleben, dass das Nichts gar nicht so gefährlich ist. Nach einer kurzen Zeit taucht er aus dem Nichts auf und ist lebendiger und selbstverbundener denn je. Der Weg ist dann frei, die selbstauferlegten Fesseln zu sprengen, sich und andere zu lieben, zu schätzen, das Leben zu genießen und Konflikte und Herausforderungen zu bewältigen. Ganz im Sinne des freien Lebens! Und vielleicht wird man mit der Zeit sogar zum Grenzgänger zwischen den Welten.

 

Fragen zum Nachforschen und Ergründen

  • Kenne ich Suizidgedanken und Todeswünsche? In welchen Situationen? In welcher Ausprägung?
  • Was hat mich bislang davon abgehalten, diesen Impulsen nachzugeben? Wofür lohnt es sich zu leben? Was ist der Sinn des Lebens? Was ist der Sinn meines Lebens? Was ist meine Berufung? Habe ich sie bereits gefunden?
  • Kann ich mir vorstellen, dass die Anteile, die den Tod wünschen, mich auf etwas Wichtiges hinweisen wollen, was ich in meinem Leben bislang vernachlässigt habe? Wenn ja, was könnte es sein? Inwiefern gestalte ich mein Leben nach meinen (inneren) Vorstellungen, die ganz anders als die meines Umfeldes sein könnten? Inwiefern folge ich meinem inneren Kompass? An welchen Stellen habe ich mich selbst verraten und verkauft? An wen? Wofür?
  • Gibt es Teile von mir, z. B. alte Gedanken- und Verhaltensmuster, die getrost aufs Sterbebett gehören? Warum halte ich immer noch an ihnen fest?
  • Habe ich Berührungsängste mit den Themen "Tod", "Trauer", "Verlust"?
  • Wie stehe ich zu meinem bedingungslosen Existenzrecht? Habe ich ein stabiles Selbstwertgefühl und fühle ich, dass ich genau dasselbe Recht zu leben habe wie alle anderen auch? Oder spüre ich Selbstwertprobleme und stehe nicht zu meiner eigenen Existenz? Spreche ich mir die Berechtigung (voll und ganz) zu existieren vielleicht sogar ab?
  • Kann ich mir vorstellen, im Rahmen eines therapeutischen Prozesses mein aktuelles Ich, also meine aktuelle bewusste psychische Funktion, sterben zu lassen, um – wie der Phönix aus der Asche – neugeboren zu werden mit einem neuen Ich, das viele alte Konflikte und Probleme gar nicht mehr kennt? Oder jagt mir alleine diese Vorstellung schon Todesangst ein?
  • Gibt es einen Menschen, einen Freund oder einen professionellen Begleiter, mit dem ich offen über dieses Thema reden kann? Oder habe ich andere Wege gefunden, diesem Thema Ausdruck zu verleihen? Z. B. indem ich mich künstlerisch ausdrücke?

 

 

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