Alte Seele? Alte Seele!

 

Alte Seelen... Diesen Begriff habe ich zum ersten Mal in einem meiner Ausbildungsseminare gehört. Ich fand ihn etwas befremdlich, auch wenn alle anderen sich selbstverständlich darüber unterhielten. Später recherchierte ich im Internet, verstand die Theorie dahinter und die Begriffe. Es geht kurzgefasst darum, dass ein Mensch mit seiner Seele schon viele Male einen Körper hatte, viele Erfahrungen machte und bereits seine letzten Runden dreht, bevor er mit seinen Lernaufgaben auf der Erde fertig ist. Eine gewagte Theorie, die dazu noch schwer zu beweisen wäre, aber: Für mich persönlich ist es unwesentlich, ob es so etwas wie Reinkarnation gibt oder nicht. Auch finde ich es nicht wichtig, ob es ein Leben nach dem Tod gibt oder danach nichts kommt. Meine Haltung war dazu schon immer: Wenn es so weit ist, werde ich es sowieso erfahren. Also brauche ich nicht herumzurätseln, an etwas zu glauben oder nicht zu glauben. Ich bin mehr im Hier und Jetzt und schaue, was die Einflüsse aus der Vergangenheit und aus der Zukunft sind. Ja ja, es kann Einflüsse aus der Zukunft geben! Wir projizieren ständig in die Zukunft, entwickeln Modelle und Annahmen von etwas, was noch gar nicht da ist und zack – schwappt es in die Gegenwart rüber. Es kann etwas Banales sein. In einer Woche ist eine Prüfung (Zukunft) und prompt verkrampft sich der Magen (Gegenwart).

Zurück zum Begriff der Alten Seele. Für mich ist es also unwesentlich, ob die Theorie und der Begriff so stimmen, sondern ob sie eine Hilfestellung, eine Art Werkzeug bieten können. Und das ist tatsächlich ganz von alleine passiert durch Erfahrungen mit Klienten.

Juni 2020: Eine junge Frau kommt zum Vorgespräch. Ganz selbstverständlich erläutert sie mir, dass sie einige Päckchen hat und sie gern loswerden würde. Außerdem gebe es da einige Punkte, an die sie nicht herankomme, sie aber z. B. wahrnehmen könne, indem sie ihre eigenen Verhaltensmuster beobachte. Also, besser hätte ich es selbst nicht formulieren können. Spontan frage ich sie, wie alt sie ist. „22!“ Meine Kinnlade klappt runter. Das fällt ihr auf. Ganz selbstverständlich sagt sie: „Ich bin eine alte Seele!“ Aha, okay, interessant. Wow. Das wäre eine mögliche Erklärung, warum jemand in so jungen Jahren, in denen eigentlich andere Themen anstehen, wie z. B. Ausbildung, Beziehungen usw., den Weg der Rückbindung, also zurück zu den Wurzeln, Päckchen ablegen, den Lebensrucksack überprüfen, alte Muster erlösen usw., antreten will. Vor diesem Gespräch ging ich davon aus, dass sich niemand unter 33-35 für mein Angebot interessieren würde – ich setzte eine gewisse Reife und Lebenserfahrung voraus. Nach diesem Gespräch wurde mir klar, dass diese Reife noch weniger ans Lebensalter gekoppelt ist, als ich dachte.

Einen Monat später kommt eine Frau zu einer Sitzung. Eine akute Krise. Sie erzählt mir u. a., dass sie im Rahmen eines Seminars mit dem Seelenkonzept gearbeitet habe, sie selbst aber lieber eine junge Seele wäre. Alle anderen seien alt und sie nicht. Ohne weiter nachzudenken muss ich sie mit ziemlichem Entsetzen angesehen und gesagt haben, dass sie doch nicht so tun kann, als wäre sie eine junge, obwohl sie eine alte Seele sei. Wahrheitsschauer ohne Ende, Tränen der Erleichterung und Akzeptanz. Unabhängig vom Seelenkonzept: Wenn man so tut, als wäre man jemand anders, geht das nicht sonderlich gut. Tut man so, als hätte man die Aufgaben oder die Fähigkeiten von jemand anders, geht es auch nicht gut.

Noch einen Monat später sitzt eine junge Frau im Vorgespräch. Ich erläutere ihr mein Konzept, dabei scheint sie es in- und auswendig zu kennen und mit allem in Resonanz zu gehen. Schnell sind wir startklar und wollen mit unserer gemeinsamen Arbeit anfangen. Nebenbei erzählt sie, dass ihr gesagt wurde, sie sei eine alte Seele. Ich nehme das zur Kenntnis und erkenne spätestens da ein Muster.

Wenn ich das spirituelle Konzept und auch alle anderen Konzepte kurz zur Seite lege, was wäre der gemeinsame Nenner, wenn ich auf die beschreibende Ebene wechsle?

Mir fallen diverse Dinge ein:

  • Das Gefühl der (existenziellen) Einsamkeit: „Ich bin ganz allein da und niemand versteht mich.“

  • Das Gefühl der Andersartigkeit: „Ich bin anders als die anderen“. Dazu kommen manchmal ungewollte Außenseitererfahrungen bis hin zum Mobbing. Einige fühlen sich aber auch sehr wohl am Rande oder sind in einer selbstgewählten Außenseiterposition.

  • Andere Wahrnehmungen und Eindrücke. Der Versuch mit anderen, die Wahrnehmungen und Eindrücke zu teilen, scheitert oft. Die anderen verstehen es nicht oder sagen, da wäre doch nichts.

  • Der Versuch, so zu leben, wie alle anderen, ist anstrengend. Er kann auch krank machen und / oder Selbstwertzweifel verursachen: „Alle anderen können normal leben, arbeiten etc., ich aber nicht. Was stimmt mit mir nicht?“

  • Es gibt Versuche, es mit einer Theorie zu erklären: Alte Seele, Hochsensitivität, ADHS, Geburtstrauma / pre-/perinatales Existenztrauma usw.

  • Es gibt Versuche, herauszufinden, was denn nun wirklich das Eigene ist. Welcher Weg ist der meine? Manche gehen dabei unangepasst, andere wiederum ziemlich angepasst vor. Wenn es aber um die Kern-Kernfragen geht, dann sind sie entschlossen, z. B. bei der Frage nach der richtigen Ausbildung.

  • Sie alle haben zwar mehr oder weniger Anpassungsleistung an die Familie, an die Gesellschaft vollbracht, sind aber nie 100% normal geworden. Die Verbundenheit mit sich selbst ist noch da, sei es auch noch so versteckt. Manche haben einen Riegel davor geschoben, noch mit extra Schloss gesichert und den Schlüssel in eine Geheimtasche gesteckt. Und das ganze Prozedere auch noch vergessen. Sie sind aber bereit, sich daran zu erinnern und den Schlüssel wieder zu benutzen.

  • Sie bekommen immer wieder eine (verschlüsselte) Nachricht, ihrer Aufgabe und Bestimmung doch gerechtzuwerden. Häufig wird dabei eine Art Überforderung empfunden: „Wieso ich?“ „Das ist doch zu viel für eine Person!“ „Wieso kann ich nicht einfach ein normales Leben wie alle anderen führen?“ „Das kann doch so nicht stimmen. Oder doch?“ „Das ist viel zu groß für mich!“ „Wieso soll ich das bitte schön ausfüllen?“

Dialog mit der Seele

Irgendwann kommt doch eine gewisse Akzeptanz auf und die Bereitschaft sich der Herausforderung der eigenen Lebensaufgabe zu stellen. Ob es man ins Konzept der Alten Seele, der Hochsensitivität, der Existenz- und Bindungstraumata übersetzt, ist dabei unwesentlich. Ich benutze mittlerweile all diese Konzepte, um das Unausgesprochene, das Ungreifbare aussprech- und greifbar zu machen. Das funktioniert. Befreiungs- und Erleichterungsgefühle setzen ein und gleichzeitig der Mut und die Bereitschaft sich den Herausforderungen des eigenen Lebens zu stellen. Es gibt keine Notwendigkeit mehr, so zu leben und zu empfinden wie alle anderen. Auch der eigene Wert wird nicht mehr davon abhängig gemacht, ob man nach äußeren Maßstäben etwas erreicht hat oder nicht. Schamgefühle nehmen ab, zumal die Übereinstimmung mit sich selbst höher wird. Auch werden Schamgefühle leichter angenommen, weisen sie doch auf die urmenschlichen Begrenzungen und Unvollkommenheiten hin.

Ja, ist nun der freiRaum ein Raum für Alte Seelen? Ja, ganz bestimmt! Die Zeichen sind unmissverständlich! :-)

 

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Bildnachweis:
Bild von Arek Socha

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