Das X (inklusive Fallbeispiel)

 

Wenn neue Klienten zum Vorgespräch oder zur ersten Sitzung kommen, beschreiben sie mir häufig, dass da etwas ist, das sie beschäftigt. Dass es da ist, merken sie an ihren Reaktionsmustern in bestimmten Situationen oder sie spüren es einfach. Sie versuchen es zu ergründen. Sie reflektieren sich. Die Gedanken drehen sich, aber sie kommen diesem Punkt nicht näher, egal wie oft und wie intensiv sie es versuchen. Es wird immer umschifft. Diesen Punkt bezeichne ich gern als Punkt X. Mit dieser Beschreibung konnten bislang alle etwas anfangen und waren auf die Möglichkeiten gespannt, sich diesem Punkt X nähern zu können.Fragezeichen-Kopf

Was ist dieses X? Eine unbekannte und häufig auch bedrohliche, kaum wahrnehmbare Komponente, die irgendwo am Wirken ist? Oder ist es gar etwas längst vergessenes und weggeschobenes Eigenes, das auf seine Integration wartet? All das lässt sich in einem konkreten Fall überprüfen, denn ich habe die Fähigkeit, den Inhalt dieses X zu erspüren und zu spiegeln. Hierzu eine Fallgeschichte:

Eine junge Frau kommt in den freiRaum. Als Thema für die Sitzung manifestiert sich ihre Ratlosigkeit, so eine Art Ratlosigkeitsloch, wenn sie dran ist, eine Entscheidung zu treffen. Sie hat Angst, die falsche Entscheidung zu treffen, hat danach Schuldgefühle und fällt manchmal in ein Loch, das bis zu einem Tag andauert. Angefangen hat es im späteren Teenager-Alter.

Ich mache mit ihr einen kleinen Test und bitte sie zwischen zwei farbigen Schnipseln zu entscheiden. Immer wieder. Das funktioniert schnell und intuitiv. 2 Farben lehnt sie ab, weil sie ihr nicht gefallen. Es steht fest: Mit ihrer Entscheidungsfähigkeit ist alles in Ordnung. Es gibt aber ein X, das ins Spiel kommt, wenn es um echte Lebensentscheidungen geht.

In der weiteren Arbeit (Es werden „Ich“, „Entscheidungen“ und „X“ aufgestellt) schauen „Ich“ und „X“ zu den jeweils verschiedenen Seiten. „Entscheidungen“ sind am Rand. Mit „X“ im Rücken spürt die Klientin auf der Position des „Ich“ viel Lebenskraft und einen starken Bewegungs- und Entdeckungsimpuls. Ich spiegele ihr das „X“, das sich als ihr Motor, ihre Lebenskraft entpuppt. Auch hat es etwas von ihrem inneren Kind, das typischerweise in der Autonomiephase sehr gut zur Geltung kommt. „X“ ist sehr stark und will sofort loslegen und etwas Schönes machen. Der Klientin ist das zu viel, was das „X“ ärgerlich macht (auf „Entscheidungen“) und schnell in Resignation bringt. Es setzt sich auf die Bank und resigniert.

„Entscheidungen“ vermelden, dass sie sich ungeliebt fühlen. Die Klientin gibt zu, dass sie sich ungern unbeliebt macht. Ich kläre mit ihr, aus welcher Beziehung es stammen könnte. Das kann sie bestimmen, fühlt sich aber für eine Klärung noch nicht bereit. Also arbeiten wir auf einen stimmigen Abschluss für den aktuellen Stand hin. Ich schlage vor, dass sie zu „X“ spricht. Vielleicht gelingt es ihr, dass es sich anerkannt fühlt. Sie sagt „X“, dass es nur eine Phase ist, dass es wieder besser wird, dass es aus der Resignation wieder rauskommt. Das „X“ glaubt kein Wort. Die Klientin mag „X“ nicht, sie findet es blöd. „X“ erwidert, dass es gar nicht blöd ist, sondern einfach kein Vertrauen hat. Spontan frage ich die Klientin, ob sie Vetrauen spüren kann. Sie bejaht. Ich frage nach der Stelle im Körper. Sie zeigt auf ihren Brustbereich, der auf einmal weit und offen wird. Bei „X“ kommt es an und so wird es wieder aktiv und steht der Klientin als pure Energie zur Verfügung.

Ich teste mit ihr, ob sie jetzt Entscheidungen treffen kann. Ich übernehme die Position der Entscheidungen und bringe immer wieder neue Gegenstände. Sie entscheidet schnell und intuitiv, was sie annimmt. Auch nach einer Entscheidung fühlt sie sich gut. Irgendwann sind ihre Hände voll und ich mache ihr deutlich, dass auch das Loslassen mal dran wäre, zumal das Leben vielleicht etwas Besonderes bereithält (symbolisiert durch einen schönen Stein). Sie lässt ein paar Sachen los und kann so den Stein annehmen. Sie fühlt sich gut.

Bevor wir mit der Arbeit anfingen, fragte ich die Klientin, ob es für sie okay ist, mit dem X zu arbeiten, das bereits auf einer Zeichnung seinen Platz stand, das ich anfertigte, während sie ihre Situation schilderte. Sie bejahte. Ich fragte sie, was sie erreichen wollte. Ihre Vorstellung war spontan und intuitiv: „Wenn das „X“ weg ist, dann kann ich wieder gut Entscheidungen treffen.“ Ebenso intuitiv äußerte ich meine Vermutung, dass in ihrem Fall das „X“ für etwas Eigenes steht, das auf eine Re-Integration wartet, und sich bei „Entscheidungen“ ein Fremdeinfluss verbigt. Sie öffnete sich dieser Wahrnehmung von mir und so setzte sich ihre Auseinandersetzung fort, wie im obigen Fallbeispiel beschrieben.

Zusammenfassend kann ich folgende Punkte beschreiben, auf die das X verweisen oder die das X beinhalten kann:

  • eine eigene Energie, die man unterdrückt oder wegschiebt, wie im Fallbeispiel, möglicherweise inkl. eines Kindanteils (inneres Kleinkind, inneres Kind, innerer Teenager usw.);

  • ein traumatisches Ereignis, eine Erfahrung, die nicht zu Ende verarbeitet worden ist;

  • eine alte Körpererinnerung, die durch bestimmte Ereignisse, Umstände oder Personen mithilfe von Assoziationen wieder erweckt wird. Da es nur eine Körpererinnerung ist, also etwas Vorsprachliches, Vorrationales, kann sie auch nicht einer situativen Erinnerung zugeordnet werden, egal wie oft und wie intensiv man es versucht, wo wir wieder am Anfang dieses Artikels wären.

Sollte sich in einer Sitzung zeigen, dass es sich um Letzteres handelt, arbeite ich gern mit einer Zeitlinie, auf der die Klienten intuitiv Punkte markieren, die etwas körperlich auslösen bezogen auf das Thema der Sitzung. Die Information kommt aus der Körpereinnerung und aus der rechten, ganzheitlich arbeitenden Gehirnhälfte. Ich bitte daher oft, den Stift in die linke Hand zu nehmen und die Hand einfach machen zu lassen. Häufig werden die ersten Punkte bereits im vorgeburtlichen ZSchmetterlingskopfeitraum gesetzt. Man kann sich das so vorstellen, dass man immer noch die Körpererinnerung in sich trägt, als man noch ein Embryo war, die eigene Mutter von der Schwangerschaft erfuhr und z. B. ein Wechselbad der Gefühle erlebte. Das ist eine prägende Erfahrung, die einen großen Einfluss hat. Sie lässt sich auch nicht mit Worten adressieren.

Was macht man dann, wenn sich so ein X in der Spiegelung zeigt? Manchmal kann ein Klient nichts damit anfangen, nimmt es zur Kenntnis und der Bearbeitungspunkt für die Sitzung verschiebt sich auf etwas, was greifbarer und näher ist. Das ist absolut in Ordnung. Manchmal wird es zur Kenntnis genommen, kann angenommen werden, aber erst einmal nur vom Verstand, im Sinne von: Jetzt weiß ich, was dieses X ist. Das ist auch in Ordnung. Und manchmal geht es an die Verarbeitung und Integration. Das kann dann eine Traumaarbeit sein, häufig auch mit einer spirituellen Komponente im Sinne der Selbsterkenntnis: Wer bin ich wirklich? Denn da ist man häufig am Ursprung seines Seins und seiner Grundaustattung oder sehr nah dran. Das gewohnte Ich-Konzept wird dadurch in Frage gestellt, was aber auch gleichzeitig den Weg in die Transformation zeigt. Aus der X-Raupe wird ein Schmetterling.

 

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Bildnachweis:  
Bild 1 (in den Blog-Vorschau) von Alexas_Fotos
Bilder 2 & 3 von Gordon Johnson

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