Sich abgrenzen

 

„Du sollst dich besser abgrenzen!“ „Ich sollte mich besser abgrenzen.“ „Du solltest auch mal Nein sagen.“ Wie häufig haben wir all diese Sätze gehört und gesagt? Zu uns selbst, zu anderen, jemand anders zu uns. Dieses magische Wort, dieses „Nein“ - das lockt uns mit der Verheißung, dass es uns dann besser geht, dass wir für uns sorgen können und dass wir uns entsprechen und das tun, was sich für uns richtig und stimmig anfühlt. Und trotzdem fällt es so schwer. Es kommt so ein „Ja, aber...“ Was ist mit den Konsequenzen? Mit den Bedürfnissen und Gefühlen anderer Menschen? Was ist dann mit meinem Selbst- und Fremdbild? Häufig muss erst eine gewisse Grenze erreicht werden, so dass das bekannte „Jetzt reicht's aber!“ kommt. Das „Jetzt reicht's aber!“ ist dabei aber nur der Höhepunkt einer langen Vorgeschichte. Der Kessel kochte und kochte... Das Wasser fing an zu sieden und jetzt ertönt der Pfeifton... Immer lauter, nicht mehr zu überhören. „Was ist denn in dich gefahren?“, so die Rückmeldung. Ja, was denn? Was ist da eigentlich passiert? „Ich hätte doch schon viel früher Nein sagen können.“ „Ich habe die Anzeichen übersehen oder ignoriert.“ „Sooo wichtig war es dann doch nicht.“ „Und beim nächsten Mal mache ich das dann besser und achte früher darauf.“ Ach wirklich? Nein! Beim nächsten Mal geht es von vorne los!

Aber warum? Warum muss es so sein? Warum kann ich mich nicht einfach anders entscheiden und es nächstes Mal anders machen? Die Antwort ist: Weil ich mich zu einem anderen Zeitpunkt meines Lebens anders entschieden habe. Es war eine unbewusste, häufig vorsprachliche und vorrationale Entscheidung, die ich durch eine bewusste Kopf-Entscheidung nicht werde überschreiben können. Oder ich überschreibe sie, habe aber danach Schuldgefühle, ein schlechtes Gewissen, Kopfschmerzen usw. usf. - also all das, was mich dazu bringt, an meiner alten Entscheidung festzuhalten. Nicht umsonst pflegte der berühmte Familientherapeut Jesper Juul Eltern zu empfehlen: "Begraben Sie Ihre Schuldgefühle im Wald!"

Die Abgrenzungsfähigkeit bleibt also eine reine Kopfsache, solange sie nicht verkörpert ist. Es reicht ein kleiner Test: Wenn man in einer Situation den Gedanken hat: "Ich muss mich besser abgrenzen", greift / greifen der natürliche Abgrenzmechanismus / die Reflexe nicht, grundsätzlich oder in einer bestimmten Situation. Es lohnt sich die Suche nach dem Auslöser in der eigenen Biografie und im eigenen System, um die Reflexe wieder in Gang zu bringen. Dann wird das Nein (und auch das Ja) stimmig und instinktiv kommen.

Auch ist das Thema der Liebe/Nicht-Liebe fest damit verbunden. Man sagt nicht Nein, weil man sich nicht unbeliebt machen will. Also hat man eine Erfahrung der Nicht-Liebe gemacht, die man in die Zukunft projiziert und vermeiden will. Ein sehr schmerzhaftes Thema, das häufig an den Lebensanfang führt. Aber es lohnt sich. Die Erfahrung der Nicht-Liebe der Vergangenheit angehören zu lassen, setzt Energie frei. Die Liebes-, aber auch die Abgrenzungsenergie.

Ein Beispiel aus der Praxis, der so auf viele Menschen zutreffen könnte: Eine Klientin berichtet, dass sie sich in einigen Situationen nicht abgrenzen kann. So sagt sie zu einigen Menschen Ja, obwohl sie viel lieber Nein gesagt hätte. Wir gehen der Sache auf den Grund. Ich biete ihr an, die Abgrenzung aufzustellen und zu schauen, was diese Position zu sagen kann. Die Position (Abgrenzung ist wie ein Werkzeug der Psyche zu begreifen, also in diesem Fall rein funktional) fühlt sich inaktiv, reagiert nicht auf (von mir simulierte) Angriffe, hat auch etwas Erstarrtes. Das Gefühl der Erstarrung deutet häufig auf Gewalttraumata hin. So auch in diesem Fall. Das heißt, dass die Klientin sich mit ihrer Gewalterfahrung, die sie zur Unterwerfung und zur Aufgabe der natürlichen Aggressionen und Verteidigungsreflexe zwang, auseinandersetzen muss. Nach der Auseinandersetzung geht sie wieder in die Position „Abgrenzung“. Die Erstarrung ist weg. Ich teste ihre Reflexe. Ich greife sie (simuliert) an, sie pariert und verteidigt instinktiv ihr „Revier“. Das wird ihr helfen, sich deutlicher, natürlicher und selbstverständlicher zu positionieren.

Dieses „Ich kann mich nicht abgrenzen“ hat auch eine gesellschaftliche Komponente. Es gibt eine grundsätzliche gesellschaftliche Angst vor Menschen, die sich gut abgrenzen können, denn sie würden sich so einiges nicht gefallen lassen, was als normal gilt. Das würde einige gesellschaftliche Strukturen (z. B. Ausbeutungsverhältnisse im Beruf) gefährden und einiges ins Wanken bringen. Im Moment ist es so, dass sehr viele Menschen auf ihr Revier (bereitwillig) verzichten, so dass sie weniger Macht über sich und ihr Leben haben. Dafür haben einige wenige Menschen viel mehr Macht, als ihnen zusteht. Es entsteht ein Ungleichgewicht, das wir z. B. in der Verteilung der Güter – die berühmte Schere zwischen Arm und Reich gehört auch dazu – beobachten können. Auf einen Teil des eigenen Reviers zu verzichten, ist ein Deal. Heutzutage ist es sogar so weit gegangen, dass man zu den „Bösen“ oder zu den „Egoisten“ gehört, wenn man auf sein Revier und seine Abgrenzungskraft nicht verzichtet. Der „gute“ Mensch ist nett und höflich und überlässt gern anderen einen Teil seines Reviers. Dass diese anderen nicht unbedingt gute Absichten hegen und es auch ausnutzen, ist naheliegend. Wenn jemand die Tür zu dem eigenen Revier mit einer Außenklinke versehen hat, ist es eine wunderbare Einladung, ein Picknick im fremden Garten abzuhalten. Wenn auch das gelingt, kann man sich ja auch gleich im Wohnzimmer breit machen. Manchmal als Dauergast. Hierbei geht es nicht nur um konkrete Menschen, die dies ausnutzen, sondern auch um Informationen, Programme, Glaubenssätze, moralische Instanzen. Und so besteht unsere Gesellschaft aus Menschen, die nicht frei sind. Entweder haben sie ein zu kleines Revier. Oder ihr Revier ist von anderen besetzt. Oder sie begeben sich in fremde Reviere und vernachlässigen ihre eigenen. Oder sie machen aus ihren Revieren ein kollektives Revier, dann gibt es überhaupt keine Grenzen und alles ist miteinander vermischt. Dann weiß man nicht mehr, wo Max aufhört und Anna anfängt... Ein menschengemachtes Chaos, das vom universellen ordenden Chaos-Element nicht entfernter sein könnte...

Was ist die Lösung? Sein eigenes Revier beanspruchen (egal, wer was sagt), die Abgrenzungskraft reaktivieren, die Herausforderungen des Lebens annehmen, seine Macht, persönlich und gesellschaftlich, ethisch gebrauchen. Klingt zu einfach um wahr zu sein? Dann stellen Sie sich vor, jeder würde es machen. Es reicht aber auch, wenn jeder für sich damit anfängt. Fühlen Sie sich bereit oder haben Sie (noch zu viel) Angst? Die Angst ist verständlich. Werfe ich jemanden oder etwas (endlich!) aus meinem Garten oder Wohnzimmer hinaus und baue die Außenklinke an meiner Eingangspforte ab, purzeln neue Konflikte ins Haus: "Was ist denn in dich gefahren?" "Was ist passiert? So bist du ja sonst nicht!" "So kenne ich dich gar nicht." Die Angst vor diesen Reaktionen und vor Liebesentzug kann den Wunsch blockieren, das eigene Revier (endlich mal!) für sich zu beanspruchen. Ja, es kann anstrengend werden. Ja, es kann zu Beziehungsabbrüchen kommen, da keine faulen Kompromisse mehr möglich sind. Es kann und wird aber auch neue Welten eröffnen: Beziehungen auf einer neuen Ebene; Ruhe und Klarheit; und eine neue Form von Lebenskraft. 

 

Zurück zum Blog 

 

Bildnachweis:  
Bild von Jefty Matricio

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.