Wenn alle Menschen frei wären – von der großen Angst

 

Es lebte einmal eine Ameise. Sie diente fleißig ihrem Volk und verrichtete die Arbeiten, die eben anfielen. Jeder Tag sah in etwa gleich aus. Es gab genug zu tun und keine Zeit zum Nachdenken. Von morgens bis abends schuftete sie und kannte auch kein anderes Leben. Eines Tages stürmte es sehr und plötzlich fiel ein großer Ast auf sie. Sie sah ihn in Zeitlupe herunterfallen, konnte sich aber kein Stück bewegen. Wie erstarrt lag sie da und sah ihr Leben vor sich, Tag für Tag, gleichförmig vorbeiziehen. Plötzlich krachte ein weiterer Ast herunter. Ihr Ende nahte, sie schloss die Augen.

Überraschenderweise kam der zweite Ast so auf, dass er den ersten ein Stück zur Seite schob, so dass die Ameise befreit wurde. Überrascht und glückselig machte sie sich auf den Weg nach Hause. Am Ameisenhügel angekommen war alles so, wie sonst auch. Wie durch eine Scheibe beobachtete sie die Arbeitsabläufe. Sich anschließen konnte sie nicht mehr und so machte sie sich auf den Weg in die Freiheit. Sie erlebte noch viele Abenteuer, inspirierte viele andere Ameisen. Ihre Ansichten sprachen sich herum. Jaja.. Skip to the end: Irgendwann wurden so viele Ameisen frei, dass die Ameisengesellschaft nicht mehr funktioniert. Ende.

So würde ich die typische Angst beschreiben, wenn es darum geht, wie schön es doch wäre, wenn alle Menschen frei wären. „Die Gesellschaft würde zusammenbrechen.“ „Wer würde dann die Toiletten putzen und die andere Drecksarbeit machen?“ „Man kann im Leben nicht immer das machen, was man will.“ „Alle würden nur auf dem Sofa vor dem Fernseher sitzen.“ Das sind alles Vorstellungen und Glaubenssätze, die durch tiefstes Misstrauen der Natur des Menschen gegenüber geprägt sind. Ein Chaos würde ausbrechen. Eine Anarchie. Eine postapokalyptische Welt wie in Romanen oder Filmen, geprägt durch Überlebenskampf und Krieg. Also: Freiheit – ja, aber bitte nicht zu viel! Sonst könnte ja...

Wie komme ich überhaupt auf das Thema? Gestern habe ich in Begleitung meiner Kollegin Lida Schladt meine Lebensaufgaben erforscht. Es zeigten sich drei: Lernen, Freiheit und Knäuel lösen. Davon erzählte ich später am Abend beim Spazierengehen meinem Mann, der mich fragte, ob ich bereits vor März 2020 mitbekam, dass auf der Ebene der politischen und gesellschaftlichen Freiheit etwas nicht stimmt. Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass ich zwar sah, dass die Menschen in ihrer individuellen Psyche alles andere als frei geprägt waren und sind. Ich zog aber vor, mich um die größeren Zusammenhänge nicht zu kümmern. Das war auch einer der Gründe, warum ich von Russland nach Deutschland zog. In Russland war es mehr als offensichtlich. Damals hoffte ich, dass ich mich mein ganzes Leben lang nicht mit äußeren Freiheiten werde beschäftigen müssen und mein Wirken auf den Bereich der inneren Freiheit einschränken kann. Natürlich war das ein Trugschluss. Denn: Wenn ich Menschen in ihre innere Freiheit begleite, entziehen sie sich dadurch automatisch dem Bereich der (gesellschaftlich / politisch) Mächtigen bzw. verlassen ihn ein Stück. Auch hatte ich mehr Vertrauen in die freiheitlich-demokratischen Grundsätze auf dem Papier und war deshalb Mitte März geschockt. Ein weiterer Trugschluss. Daraufhin erinnerte sich mein Mann an einen Zeichentrickfilm, in dem eine Ameise aus der Reihe tanzt, ihre Aufgabe nicht übernimmt und daraufhin die Ameisengesellschaft zusammenbricht. Ob es bei Menschen auch so passieren würde, so seine Frage. Spontan antwortete ich, dass es bei Menschen eher umgekehrt ist. Die Probleme würden daher rühren, dass viele Menschen ihre ur-eigenen Aufgaben nicht übernehmen, sondern irgendwelche anderen. Die Frage ist, aus welcher Ordnung die Aufgaben kommen: aus dem Leben selbst oder aus dem, was die Menschen daraus machen. Ich nenne diese Ordnung menschengemacht. Der Mensch ist auch grundsätzlich frei in seiner Entscheidung, solche oder solche Aufgaben zu übernehmen oder gar keine. Die Konsequenzen werden so oder so eintreten. Leider gehen die Ordnungssysteme auseinander, so dass dort viel Konfliktpotential entsteht. Ich rede hier, wie gesagt, von 2 Ordnungssystemen: dem menschengemachten, den gesellschaftlich-politischen Zusammenhängen, und dem übergeordneten, universellen, das das Leben als solches vorgibt. Natürlich überschneiden sie sich auch. Und das Erstere versucht dem Letzteren gerecht zu werden, z. B. Hunger zu stillen oder für Wärme zu sorgen. An einigen Stellen geraten sie aber in Konflikt. Die Lohnabhängigkeit im menschengemachten System steht konträr zum universellen, das für seine „Kinder“ bedingungslos sorgt. Eine Blume wird sich – im Unterschied zu einem Menschen – nie „nicht gut genug fühlen“ und hinterfragen, ob sie die Wärme der Sonne (=die Liebe) annehmen darf oder nicht. Sie tut es einfach. Das menschengemachte System versucht das universelle nachzumachen oder nachzuahmen, manchmal aber auch einiges auszunutzen und zu verbessern. So etwas kann langfristig nur scheitern, was wir am Zustand unserer Welt und Umwelt sehen.

Das universelle System hat vergleichsweise einfache Regeln. In erster Linie geht es um das Vertrauen (Das Leben sorgt für mich. Ich bin hier gut aufgehoben. Ich kann mich hier entwickeln und gedeihen.), die Liebe (echte Liebe lässt frei und hält keinesfall fest!) und den Rhythmus. Letzterer zeigt sich in den Jahreszeiten, im Tages- und Nachtrhythmus (Wecker gehören verboten!), im weiblichen Zyklus, in verschiedenen Stimmungen und Phasen im Laufe eines Tages oder eines Monats, in verschiedenen Aufgaben der verschiedenen Altersstufen, im Abwechseln von Hunger und Sättigung, Expansion und Rückzug, Erforschen und Verarbeiten. Im menschengemachten System sind die Rhythmen gestört, zerstört oder durch künstliche Rhythmen ersetzt. Viele Frauen versuchen während ihrer Menstruation genauso leistungsfähig zu sein wie die Männer (Haben denn Männer keine rhythmischen Leistungsschwankungen? Die haben sie sicherlich auch! Nur dürfen sie sie vielleicht noch weniger leben.) oder verzichten ganz auf einen natürlichen Zyklus. Die Schule beginnt um 8 für alle, unabhängig davon, ob es eine passende Zeit ist oder nicht. Spät abends sitzen wir vor leuchtenden Bildschirmen (die Verfasserin nicht ausgenommen), das Gewicht wird über Diäten und Sport gehalten, und Erholung / Urlaub gibt es nur zu bestimmten Zeiten. Ganz abgesehen von solchen Perversionen wie eine Halle mit künstlich erzeugtem Schnee in Dubai. Dabei wird Letzteres mit Freiheit gleichsetzt: Der Mensch ist so frei, dass er sogar in Dubai Ski fahren kann. Was ist das für ein pervertiertes Verständnis von Freiheit, das Freiheit mit Gelüsten oder dem ego-getriebenen Vermeiden von Ängsten und Konfrontation (mit sich selbst, mit anderen, mit den Umständen, mit den Wahrheiten) gleichsetzt. Eine Welt voller Lügen, Trugbildern und Illusionen. Dabei ist das Ganze viel einfacher: Freiheit erlange ich, wenn ich mich im Hier und Jetzt freilasse, so wie ich bin. Und das kann was ganz anderes sein, als das kopfgesteuerte Konzept des „Ich mach dann, was ich will“, denn ich müsste tatsächlich wissen, was ich WIRKLICH will. Was ist denn dieses WIRKLICH? Es beinhaltet die Suche nach der Übereinstimmung. Im Außen wie im Inneren. Wenn wir uns aber gleichzeitig täuschen und täuschen lassen und das menschengemachte System für bare Münze halten, kann es sehr schwer sein, da eine Unterscheidung zu treffen. Eine in diesen Gefilden kündige Begleitung kann dabei helfen (hihi). Oder man begibt sich auch selbst auf diese Freiheits-Entdeckungsreise.

Wenn wir also so weit weg von natürlichen Rhythmen leben, was können wir konkret tun, um ihnen näherzukommen und frei(-er) zu werden? Hier ein paar ganz banale Ideen:

  • alle Personenwaagen aus dem Haushalt entsorgen.

  • sich an den eigenen Hunger- und Sättigungsgefühlen orientieren, auch am eigenen Appetit.

  • immer, wenn es möglich ist: ohne Wecker leben. Schlafen gehen, wenn man müde ist, aufstehen, wenn man ausgeschlafen ist.

  • genau auf die Müdigkeits-, Lust- und Unlustgefühle achten (Nein, das hat nichts mit Faulsein zu tun!).

  • nicht dem ersten Lust-Impuls sofort nachgeben (zum Kühlschrank laufen, die Glotze anschalten). Das kann ein Ablenkungsmanöver sein, das die eigentlichen Bedürfnisse überdeckt und uns unfrei macht, also abhängig vom Essen, von der Glotze usw.

  • dem Prinzip „weniger ist mehr“ folgen: den Keller, den Kleiderschrank ausmisten. Alle Sachen wegwerfen, die man nicht selbst ins Haus geholt hat und die (zu viele) fremde Energien haben. Dazu gehören auch z. B. Familienerbstücke. Sie können ganz schön unfrei machen und den eigenen Raum besetzen, psychisch, aber auch ganz banal in der eigenen Wohnung. (Dass nach dem Entsorgen Trauergefühle aufkommen, ist normal. Echte zugelassene Trauer macht langfristig gesehen frei. Man hält ja auch nicht mehr fest.)

Jemand, der mit dem menschengemachten System seinen Frieden geschlossen hat, kann sich im Rahmen des universellen Systems ganz schön unfrei vorkommen! Wenn ich meine Tage habe, dann kann ich eben nicht powermäßig Tennis spielen! Wenn jetzt Winter ist, dann kann ich eben nicht die heiße Sonne genießen oder umgekehrt im Sommer Ski fahren. Auch steht mir die Glotze als Ablenkung nicht zur Verfügung. Das hört sich mehr nach Sklavendasein als Freiheit an. Tatsächlich verschmelzen irgendwann die Pole. Das Leben erzwingt nun einmal, dass wir für uns sorgen: essen, trinken, schlafen, uns entwickeln. Entziehen wir uns diesen basalen Dingen, werden wir noch unfreier. Wir haben die Wahl: Wir können es freiwillig machen oder wir werden früher oder später dazu gezwungen. (Achte ich nicht auf Müdigkeit und Pausen, wird mich die nächste Erkältung zu einer Pause zwingen. Arbeite ich trotz Erkältung weiter, bekomme ich es mit der nächsten Stufe zu tun – je nach Prädisposition – Otitis media, Sinusitis, Tonsillitis). Das freiwillige Bejahen der Zwangsläufigkeit des Lebens gleicht für den modernen Menschen fast einer Beleidigung. Dabei ist nur das Ego beleidigt, das sich einbildet, dass das menschengemachte System mehr wert wäre als das universelle und dass man irgendetwas kontrollieren könnte. Im Moment ist es v. a. das Leistungsprinzip, wodurch viel Druck aufgebaut wird und das häufig über den Selbstwert entscheidet, und die (Angst machende) Notwendigkeit, Geld zu verdienen. In den letzten Monaten kam noch das eingeschränkte und sehr eindimensionale Gesund-sein-wollen im Sinne der Virenfreiheit und der Reduktion des Sterberisikos hinzu, praktisch komplett herausgerissen aus psychologischen, psychosozialen, spirituellen, ökologischen und wirtschaftlichen Lebensfragen. Die Folge ist ein Kontrollwahn, der vieles, auch Gesundheit im komplexen, ganzheitlichen Sinne, zerstört, und vielen Menschen ihre (psychischen, sozialen, wirtschaftlichen, gesundheitlichen) Lebensgrundlagen entzieht.

Der Vergleich mit den Ameisen hinkt also gewaltig. Sie sind bestens in die universelle Ordnung eingefügt und sind frei das zu tun, wofür sie da sind. Spannend ist, dass wir dabei eine Verdrehung hinlegen. Die Ameisen sind für uns in ihren Aufgaben unfrei. Würden sie daraus ausbrechen, wären sie frei. Das trifft aber auf uns zu und keinesfalls auf die Ameisen. Eine reine Projektion. Ein Mensch ist eben keine Ameise und hat ganz andere Aufgaben im Leben. Und auch ein Ameisenleben und ein Ameisenzusammenleben ist komplex sowieso die Eingebundenheit der Ameisen in gesamtökologische Zusammenhänge. Da haben wir Menschen ganz viel Nachholbedarf. Unsere (innere) Freiheit könnte also auch ein Schlüssel zur Lösung unserer Umweltprobleme werden. So kann ich auch annehmen, dass die Menschen, die auf den ersten Blick besonders aus der Reihe tanzen, im Rahmen eines universellen Systems diejenigen sind, die sich am besten einfügen. Und umgekehrt. Und nein, ein schrilles Aussehen, ein ungewöhnlicher Beruf, besondere Ansichten sind nicht zwangsläufig ein Hinweis auf innere Freiheit.

Wie wäre es also damit, den „Sumpf“ zu verlassen und in die Freiheit abzuheben? Ist die Angst vor den freien Menschen also unbegründet? Wenn Menschen ihre individuelle Bestimmung frei leben können, dann würden sie auch in der Gemeinschaft freiwillig (!) die bestmögliche Position einnehmen. Zum individuellen wie auch zum gemeinschaftlichen Wohle. Wo liegt also die Gefahr? Wie so häufig liegt sie im Übergang. Die Angst vor dem freien Menschen haben vor allem diejenigen, die nicht frei sind und möglicherweise von der Unfreiheit anderer profitieren. Die Lösung über eine kämpferische Auseinandersetzung herbeiführen zu wollen wäre zwar naheliegend im Sinne eines Kampfes für die Freiheit. Aber sie würde eher dazu beitragen, die Strukturen zu verfestigen, da ein Kampf Ängste und Widerstände verstärkt. Die Lösung wäre viel mehr eine innere Befreiung für möglichst viele Menschen, die wiederum anfangen Strukturen zu verändern und auf ihr Umfeld einzuwirken, so dass auch andere Menschen sich davon anstecken lassen. Diese Aufgabe kommt nicht für alle in Frage. Ist sie aber bei jemandem auf seiner vom Universum gesandten To-do-Liste, dann wird man sich ihr nicht entziehen können (Bei mir ist es auch der Fall.. Und ich bin gut darin, mich darum zu drücken, kann sie aber mittlerweile deutlich besser annehmen.) Alle anderen haben aber auch ihre To-do-Listen. Wissen Sie schon, wie Ihre aussieht?

 

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Bildnachweis:  
Bild Ameise von Ronny Overhate
Bild Heißluftballon von Cindy Lever
Bild der Skulptur freedom, Skulptur von Zenos Frudakis

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