freiRaum · Zum Schäferstall 45 27324 Hämelhausen 04254 7114720 0176 456 473 12 (WhatsApp) kontakt@innerer-freiraum.de

Wie Paare in tieferen Kontakt kommen

 

Inhaltsverzeichnis

 

Die Ausgangsituation

Nach ca. 10-15 Jahren des Zusammenlebens, manchmal früher, manchmal später, stellt sich bei vielen Paaren die Frage nach dem tieferen Kontakt in der Beziehung. Meist sind es Frauen, die diese Frage aufwerfen und darunter leiden, dass etwas fehlt. Manchmal sind es aber auch Männer. Es kommen hier einige Sachen zusammen: ein tief empfundener Schmerz in der Herz- oder Bauchgegend, das nagende Gefühl, dass etwas fehlt, das Gefühl, nicht verstanden oder gesehen zu werden, nicht wirklich in die Tiefe zu kommen. Die Beziehungssymptomatik kann dabei sehr unterschiedlich sein: Von viel Drama bis zu absolut unauffälligem Alltagstrott ist alles dabei. Der eine leider still vor sich hin, verdrängt es vielleicht sogar in den Körper. Der andere inszeniert (unbewusst) viel Drama als verzweifelten Versuch durch die starken Emotionen doch noch das magische Tor zu passieren und die Tiefe zu erreichen. Viele Paare wechseln zwischen normalem Alltag und punktuellem Drama hin und her, manche in einem bestimmten Rhythmus, z. B. pünktlich zum sog. PMS, oder auch flexibel, je nach Belastung und Triggeranfälligkeit. In der Tiefe treibt aber alle der Wunsch nach tieferem Kontakt und der Schmerz des Mangels um.

Zur Ausgangssituation sei noch anzumerken, dass dieser Mangel häufig von nur einem der beiden Partner gefühlt und angesprochen wird. Der andere kann felsenfest davon überzeugt sein, dass sein Leben in Ordnung sei und ihm an nichts mangele. Es können Jahre vergehen, bis der den Mangel fühlende Partner den Entschluss fasst, sich klar und deutlich zu positionieren: "Ich will eine Beziehung mit tieferem Kontakt. Ich trete voll und ganz dafür ein, auch wenn ich damit unsere Beziehung riskiere." Daraus spricht pure Verzweiflung, die aber beim Partner häufig als Ultimatum ankommt. Er hat die Wahl zwischen Trennung und Bewegung. Es fühlt sich zwar wie von außen aufgezwungen aus, dabei repräsentieren beide Partner die Bereitschaft und den Wunsch nach tieferem Kontakt in genau den Anteilen, wie sie gerade bei ihnen beiden sind. Bei einer Mann-Frau-Beziehung repräsentiert die Frau den Anima-Anteil und der Mann den Animus-Anteil des jeweils anderen. Ist die Anima zu 60% oder 70% bereit, wird die Frau den Druck (aus der Sicht des Mannes ist es Druck) erhöhen. Ist der Animus bereit, wird sich zuerst der Mann in Bewegung setzen und "Druck" machen. Lassen Sie sich nicht täuschen! Wenn beide bereit wären, wären beide bereits in tiefem Kontakt. Das heißt, wenn eine Frau sagt, dass sie den tiefen Kontakt will, ihn aber wegen ihres Mannes nicht bekommt, so ist es zwar beziehungstechnisch korrekt, aber nicht tiefenpsychologisch. Ein Teil von ihr ist bereit, ein anderer, repräsentiert durch ihren Mann, ist es nicht.

Achtung Falle: Ich will Kontakt (und ich will ihn nicht)! Inklusive möglichen Rollentauschs

Und so kann es passieren, dass der eine Partner, der sich sonst partout nicht bewegen wollte, sich auf einmal in Bewegung setzt (unter dem Druck seinen Beziehungspartner zu verlieren), und der Partner, der sonst den Kontakt so sehr wünscht, sich auf einmal distanziert. Die Rollen werden getauscht und auf einmal repräsentiert der sonst zögerliche Partner den Anteil, der bereit ist, und der andere flieht, indem er z. B. gute Gründe findet, es wäre z. B. zu spät oder so ähnlich. Auch hier wird die Gesamtbereitschaft des Paaren in ihren Einzelanteilen auf die beiden Partner verteilt. Das gilt es zu durchschauen.

Helfen? Helfen!

Der Partner, der den Mangel nicht spürt, hat zwei Möglichkeiten für sein Verhalten: Entweder will er nichts damit zu tun haben oder er will helfen. Manche pendeln zwischen diesen Möglichkeiten hin und her in ihrem Verhalten. Beim Helfenwollen kommt es allerdings zu einer Hilflosigkeit, denn die Art der Hilfe, die angeboten wird, scheint nicht zu wirken oder nur kurzfristig. Bald geht es schon wieder von vorne los. Wenn Sie der Partner sind, der helfen will, gibt es nur eine Art Hilfe, die wirklich hilft: Sie müssen sich öffnen. Ja, sich öffnen ist DIE Hilfe. Und ja, ich weiß, das ist genau das, was Ihnen am schwersten fällt. Überwinden Sie sich!

Fremdgehen als (Zwischen-)Lösung

Eine häufige (Zwischen-)Lösung, die manchmal nicht einmal als solche bewusst ist, ist der Kontakt zu einem anderen Mann oder einer anderen Frau. Dieser andere Mann oder diese andere Frau repräsentiert die Energie, die in der Paarbeziehung fehlt. Der Mangel an Kontakt wird so behoben, das Fehlende wird durch jemand Drittes ergänzt. Eine Klientin von mir beschrieb ihre Erfahrung mit einem anderen Mann, die sie unbewusst einleitete, so: "Er hat etwas in mir ausgelöst, so dass ich so sein konnte, wie ich wirklich bin. Und das war eine ganz andere Energie als wie ich sonst bin." Er löste einen Flow, eine Ekstase, ein Gefühl bei sich anzukommen aus. All das, was mit dem Hauptpartner (ein Stück) fehlte. Nun kann man das Fremdgehen als Anlass zur Trennung nehmen oder aber als Einladung, die fehlende Energie in sein Leben einzuladen. Es muss kein dritter Mensch sein, den man dann einlädt, sondern man lädt diese Energie in seinem Inneren ein. Das geschieht durch das Zurückholen von abgespaltenen Anteilen.

Wenn man es ernst meint: Annäherung für Entschlossene

Wenn beide sich darauf geeinigt haben, tieferen Kontakt einzuleiten, gibt es einige Hilfestellungen, dies in Eigenregie zu tun. Beachten Sie bitte, dass Sie aufpassen müssen, energetisch verbunden zu bleiben. Achten Sie auf Ihren Atem, auf Ihr Spechtempo. Sich verbal ausdrücken kann die Botschaft unterstreichen, ist aber nie die Botschaft selbst. Wenn Sie aber Worte als Ersatz für die Botschaft nutzen, gehen Sie auf die rein mentale Ebene. Dann ist es mit dem tieferen Kontakt vorbei. Wenn dies passiert, unterbrechen Sie den Redefluss, atmen Sie ein paar Mal tief ein uns aus, und versuchen Sie es weiter energetisch. Machen Sie sich offen und nehmen Sie die Energie des Partners auf.

Eine Übung könnte z. B. so aussehen:

Stellen oder setzen Sie sich gegenüber. Einer fängt an und sagt, was er vom anderen wahrnehmen kann, wie er sich fühlt. Z. B.: "Ich nehme wahr, dass du traurig bist..." Es geht darum, den anderen in sich zu spüren. Wenn man nichts wahrnehmen kann, sagt man das auch. Der andere meldet zurück, ob er das so empfindet oder nicht. Dann tauschen Sie die Rollen und regulieren Sie den Abstand (näher rangehen, weiter weg gehen). Ein Nicht-Treffer wird natürlich weitere Wahrnehmungen auslösen und in immer tiefere Schichten führen. Hier besteht Trigger-Gefahr. Besprechen Sie bitte, wie Sie mit Triggern umgehen. Das Ziel ist Sehen und Gesehen-Werden, Fühlen und Gefühlt-Werden.

Experimentieren Sie! Entdecken Sie Neues an sich und an Ihrem Partner! Treffen Sie aber auch Vereinbarungen, wie Sie mit Triggern umgehen, besonders wenn beide von Ihnen sich in einem angetriggerten Zustand befinden. Vereinbaren Sie ein Codewort, machen Sie eine Pause, reservieren Sie einen "heißen Stuhl" für die Außenposition oder schauen Sie sich einfach lange an, ohne etwas zu sagen. Finden Sie Wege Ihre alten Muster zu durchbrechen!

Annäherung für Fortgeschrittene

Für Fortgeschrittene, die Erfahrung in der Seelen- und Aufstellungsarbeit mitbringen, ist eine Aufstellung für Paare zu empfehlen. Sie kann in Begleitung oder auch, Aufstellungserfahrung vorausgesetzt, zu Hause stattfinden. Ein Partner fängt an und stellt sein Ich, also seine Psyche, auf und seinen Kern, also sein Selbst, seine Essenz, sein wahres Ich. Es ist von großem Vorteil, wenn dieser Partner bereits eine grundsätzlich gute Verbindung zu seinem Kern hat, die er z. B. durch Lebenserfahrung, Meditation, Aufstellungsarbeit, Energiearbeit etc. hergestellt hat. Zuerst stellt sich dieser Partner auf sein Ich und lässt den anderen Partner spüren, z. B. über die Hände, wie sich das Ich anfühlt. Anschließend stellt er sich auf seinen Kern und lässt auch hier wieder den Partner spüren, wie sich der Kern anfühlt. Gut ist, wenn der Kontakt aufnehmende Partner versucht zu beschreiben, ob und welchen Unterschied er zwischen dem Ich und dem Kern spürt. Das kann sehr bewegend und sehr berührend werden.

Anschließend kann der andere Partner sein Ich und seinen Kern aufstellen. Hier kann man auch von außen beobachten, wie sich die Positionen zueinander beziehen. Die Positionen des Einen zu sich selbst und die Positionen der beiden Partner zueinander. Sind die Partner einander zugewandt oder schauen sie in verschiedene Richtungen? Verdeckt das Ich eines Partners vielleicht sein Selbst? Oder ist das Selbst von jemandem weit weg von seinem Ich entfernt? Beim Aufstellen kann übrigens auch passieren, dass man etwas anderes aufstellt als das, was man aufstellen will. In dieser Konstellation kann es am ehesten den Kern treffen. Man meint, den eigenen Kern aufzustellen, der sich aber, wenn man in Kontakt mit ihm kommt als Schutzmechanismus entpuppt. An dieser Stelle sind die beiden Partner gefragt ihren Impulsen zu folgen, in verschiedene Positionen zu spüren und sich auszutauschen, um besseren und näheren Kontakt zu bekommen. Wer das selbst (noch) nicht kann, was auch völlig okay ist, wir reden hier von einem sehr hohen Niveau, braucht eine Begleitung. Schließlich ist die Begleitung nicht nur dafür da, beim Auflösen zu helfen, sondern auch Muster zu etablieren, mit denen die beiden Partner solche Arbeiten immer selbständiger und tiefgehender durchführen können.

Der Preis des tieferen Kontakts

Beachten Sie bitte, dass Paarprozesse besonders intensiv sind und besonders schnell uralte Wunden aufreißen lassen können. Ja, man bekommt endlich das, was man sich so sehnlichst gewünscht hat. Dafür muss man aber Schutzschichten ablegen. Gut, das muss man in anderen Prozessen auch, allerdings geht es hier um besondere Schutzschichten, und zwar solche, die persönlichkeitskonstituierend sind; darunter ist: Nichts! Wenn sie ab sind, fühlt man sich wie rohes Ei oder wie rohes Fleisch, also hautlos... An diesen Zustand muss man sich zuerst gewöhnen und natürlich wird da noch einiges an Schmerz hochgespült. Die uralten Wunden müssen an die frische Luft, um zu heilen. Dies braucht Zeit und Zuwendung. Und hier kommt der tiefe Kontakt ins Spiel: Mit Liebe und Mitgefühl ermöglicht er erst die Heilung solcher Wunden.

 

Fragen zum Nachforschen und Ergründen

  • Wie viel tiefen Kontakt bekomme ich mit meinem Partner? Und er / sie mit mir? Ist das überhaupt ein Thema in unserer Beziehung oder haben wir uns in unserem Alltagstrott eingerichtet? Glaubt vielleicht einer von uns, dass uns doch nichts fehlt?
  • Wie bereit bin ich für den tieferen Kontakt? Und mein Partner? Was spiegelt mir seine / ihre Bereitschaft oder Nicht-Bereitschaft?
  • Wie viel Übung haben wir bereits in innerer Arbeit? Was können wir bereits alleine? Wo brauchen wir (noch) Begleitung?

  

Zurück zum Blog

 

Bildnachweis:
Bild von beate bachmann auf Pixabay
Bild von Jills auf Pixabay
Bild von Jills auf Pixabay