Die Psyche umprogrammieren: Welcome to the Inner Sanctum!
Sobald ein Mensch in Zusammenarbeit mit seiner Seele die Entscheidung getroffen kann, die Reise zurück zu sich selbst, also die Überführung seiner polaren Aspekte zurück in die Einheit, anzutreten, gibt es einiges an Arbeit zu erledigen, denn die menschliche Psyche bringt vielerlei Aspekte mit sich, die mit dem Wunsch nach der Rückbindung erst einmal widersprechen. Das ist gleichzeitig auch der Kern und das Spannende an diesem Prozess, der neue Möglichkeiten im Leben eröffnet.
In diesem Artikel schauen wir uns die Grundprogrammierung der menschlichen Psyche an und das, was sich verändert, wenn sie sich dem Seelengrundmuster anfängt anzunähern. In vielerlei Hinsicht ist es eine 180-Grad-Wendung. Nicht umsonst wird dieser Prozess häufig durch eine Katastrophe (von altgriechisch καταστροφή katastrophé „Umwendung“) im Leben ausgelöst. Beachtet man die Hinweise der Seele, ist es manchmal möglich, ohne eine äußere Katastrophe die Umwendung einzuleiten.
- Die menschliche Psyche ist auf Angst vor Neuem, auf Abwehr oder zumindest Skepsis dem Neuen gegenüber und dem Verbleiben in der Komfortzone, die nicht per se komfortabel sein muss, programmiert. Bei der Komfortzone geht es vielmehr um Gewöhnung und der Mensch ist nun einmal ein Gewohnheitstier. Die Psyche wird also darauf umtrainiert, sich Neuem gegenüber offen zu verhalten, es willkommen zu heißen. Dafür müssen viele Ängste umgebaut und ins Urvertrauen umgewandelt werden. Es geht sowohl um den männlichen Aspekt der Sicherheit in der Welt, den Himmelsaspekt, als auch um den weiblichen Aspekt der Geborgenheit im Nest, den Erdaspekt. Das kleine Nest wird endgültig verlassen und man richtet sich im großen Universumsnest ein. Das ist ein bisschen so, wie wenn man Pferden, die ja Fluchttiere sind, beibringt, geritten zu werden und sich im Gelände, auch alleine, ohne die Herde, zu bewegen. Es geht um solche Aspekte, wie von einer höheren Ebene aus geführt zu werden, aber auch die Führung in sich zu finden und sich und ihr zu vertrauen. Nicht zu verwechseln ist es mit Menschen, die sich ständig ins (vermeintlich) Neue stürzen, für die es aber eine gefährliche Komfortzone ist. Hier geht es ums Adrenalin und das Bedürfnis, etwas zu erleben, um sich nicht leer zu fühlen. Das seelische Muster, sich dem Neuen offen gegenüber zu verhalten, ist von innerer Ruhe durchtränkt. Das Bedürfnis, im Außen dies und jenes zu erleben, noch dieses oder jenes zu kaufen, zu konsumieren, zu was auch immer, nimmt ab. Überhaupt das Bedürfnis nach Adrenalin, nach einer euphoriegetriebener Freude. Sie wird durch eine stille aus der Tiefe kommende innere Freude und Gelassenheit ersetzt. Es ist das Lächeln, das man bei Buddha-Statuen sieht. Der Weise genießt im Stillen und weiß, aus eigener Erfahrung, um die Illusionswirkung der Welt. Schließlich kann man nur vor sich selbst flüchten. Die Angst, die wir dann haben, ist die Angst vor dem, was wir in uns noch nicht kennen, was wir in uns noch nicht entdeckt haben und was unserem Ich-Gefühl widerspricht, bald aber bereit sind zu entdecken.
- So ist die menschliche Psyche auch häufig neuen oder fremden Menschen gegenüber verschlossen, etwas kalt, distanziert oder auf eine recht oberflächliche Art freundlich. Sie erkennt das Licht des anderen hinter den persönlichen Begrenzungen nicht und sein eigenes auch nicht. Oder nicht auf Anhieb. Erst wenn ein Mensch ein paar Tests durchlaufen und bestanden hat, öffnet sich die ein oder andere Herzkammer und es wird wärmer und herzlicher. Im seelischen Grundmuster ist die Psyche per se warmherzig. Warum sollte sie es nicht sein? Denn jeder Mensch, dem man begegnet, ist gleichzeitig ein Anteil seiner selbst. Warum sollte man sich selbst gegenüber kaltherzig sein statt sich über die Anwesenheit dieses Anteils zu freuen? Aber das ist genau das, worauf die Psyche normalerweise programmiert ist: Vorsicht und Zurückhaltung bis hin zur Verurteilung, Kritik, Nicht-gut-genug-Sein, Ehrgeiz usw., sowohl sich selbst als auch anderen gegenüber, was im Endeffekt eins ist. Das zu überwinden und Gnade, Milde und Selbstliebe walten zu lassen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. *
- Und so übt die Psyche zuerst im Kleinen, indem sie eine sichere Übungsfläche dafür sucht mit Menschen, die ihr ähnlich sind oder zu sein scheinen. Die Psyche strebt danach einer Gruppe anzugehören. Im reifen seelischen Muster fühlt sie sich gerade durch den Ausdruck ihrer Einzigartigkeit grundsätzlich zugehörig und verbunden.
- Fehlt die grundlegende Zugehörigkeit, fühlt sich die Psyche ständig bedroht und unvollständig. Und so sucht sie ständig im Außen nach Wegen, sich endlich komplett, heil und ganz zu fühlen. Sei es durch das Erleben von etwas Besonderem, sei es ein Konzert, ein leiblicher Genuss oder was anderes, durch soziales Eingebettetsein in eine Gruppe oder oder. All dem ist das tief verankerte Gefühl von "nicht genug" und dem Verlangen nach mehr, der Suche, gar Sehnsucht nach etwas gemein. Nun, die Antwort findet die reife Psyche nur in sich selbst: im Selbstwert, in der Selbstwürde, im Gefühl "alles ist gut, wie es ist". Die Voraussetzung dafür ist wiederum die Arbeit am Ur-Vertrauen, an der Ur-Basis. Sonst entzieht man der Psyche etwas, was ihr Sicherheit gibt, bietet ihr aber keinen Ersatz. Der Fall kann tief sein. Daher ist es wichtig, sie Schritt für Schritt an diese für sie fremden und gleichzeitig ur-alten Gefilde heranzuführen.
- Das ist ja das Spannende, dass die Psyche die Person, die sie in diesem Leben darstellt, mit ihren Mustern, Beschränkungen, Gedanken, Emotionen usw. für sich selbst hält, aber alles, was auf den Wesenskern verweist, als fremd und bedrohlich erkennt. Sie schiebt es dann weg und arbeitet sich am Feindbild ab. Bis ihr irgendwann all ihre Beschränkungen um die Ohren fliegen. Das heißt, dass sich die normale Psyche nicht nur ständig mehr oder minder latent bedroht fühlt, sondern sich in der Tiefe der großen Welt gegenüber als ohnmächtig und ausgeliefert empfindet. Mit ihrem beschränkten Denken und der "Identität" von sich als Person versucht sie, dieser Welt etwas entgegenzusetzen, sich in dieser Welt zu bewegen und etwas zu erreichen. Dies auch ein wichtiger Entwicklungsschritt und ist alterstechnisch zwischen später Kindheit / Pubertät und späterem Erwachsenenalter anzusiedeln. Hat man sich genug auf der Weltbühne ausgetobt, ist man ggf. bereit für den Archetyp des alten Weisen. Das kleine Ich weicht dem großen Selbst, das sich sicher und geborgen in der See der Seele fühlt. Aus Ohnmacht wird einerseits Vertrauen und Hingabe an das Leben, aber auch ein Gefühl von Ehrfurcht dem Leben gegenüber wird deutlich spürbar. Das kleine Ich erzittert im Anblick der universalen Gewalt und Schönheit.
- Den Zutritt zu dieser Basis findet das Ich genau da, wovor es sich so fürchtet: in der Tiefe. In die Tiefe abzusteigen, bedeutet die Kontrolle abzugeben, den Oberflächlichkeiten des Lebens nicht mehr so viel Aufmerksamkeit zu widmen bzw. ihnen rein pragmatisch und gelassen zu begegnen und nicht an ihnen herumzuwerkeln, und sich stattdessen in eine Welt jenseits von Begriffen, Vorstellungen, Selbst- und Weltbildern zu begeben. Es ist das Reich der Intuition, der feinen Wahrnehmungen und Empfindungen, der Seelenbilder. Ist die Zeit reif, kann der (weitere) Abstieg beginnen und in der Tiefe öffnet sich der Zugang zum inneren Raum, zum inneren Freiraum, zum inneren Heiligen Raum, von was auch der allgemeine heilige Raum erfühlt werden kann – Allverbundenheit und Ehrfurcht gehen durch den Menschen wie große mächtige Wellen.
Woran erkennt man, dass die Zeit reif ist? Man hört den Ruf. Da ist eine Tür, die bereit ist sich zu öffnen. Und man fühlt sich zu ihr magisch hingezogen: "Komm, es ist so weit".
*Manche Menschen halten sich bereits für offen, übersehen aber häufig dann doch einen pseudo-offenen Anteil, der ihre Unsicherheit, ihre Schamgefühle, ihre Schüchternheit und andere Kontaktängste überdeckt. Dieser kann sich in einem Körpersymptom, wie z. B. einem Hautproblem, einem Rückenproblem, klassischerweise dem Übergewicht usw. manifestieren oder auch direkt im Verhalten, das z. B. überfreundlich, etwas oder sehr salopp, etwas undistanziert, dem anderen auf die Pelle rückend usw. sichtbar werden.
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Bild von Evgeni Tcherkasski auf Pixabay